Sequenz 18 - Schmidtke auf Abwegen

Nach solch langer Zeit haben meine unsichtbaren/eingebildeten (nicht im arroganten Sinne) Leser ein weiteres Kapitel verdient.  Es geht um Werbung, diesmal im doppelten Wortsinn - zwischenmenschlich als auch materiell.

Ich sitze in meinem Büro und spitze Bleistifte an. Selbige habe ich mir vor einer Woche speziell zu diesem Zweck schicken lassen, denn nichts macht einen professionelleren Eindruck als akkurat gespitzte Bleistifte, die auf dem Schreibtisch in einem Glas leicht aufgefächert stehen.

Während ich versuche, mir ein neues Versicherungskonzept einfallen zu lassen, um unser Unternehmen ein wenig zu revitalisieren, frage ich mich, ob die Versicherungsbranche es eigentlich wert ist, gerettet zu werden. Vermutlich nicht, doch was will man machen: immerhin bezahlen sie mein Gehalt.

Vor meinem inneren Auge entsteht eine Plakatwand mit einem Zeigefinger der auf den Betrachter zeigt, ähnlich wie jener von Uncle Sam seinerzeit: „Wir wollen SIE versichern, ganz nach IHREN Bedürfnissen,“ könnte darauf stehen. Oder vielleicht eine stilisierte Menschenmenge, in deren Mitte ein andersfarbiges, stilisiertes Männlein steht mit dem Text: „Für uns sind Sie sind nicht irgendwer!“

Aber ob dieses Individualitätsgebrabbel überhaupt noch zieht? Vielleicht sollte schlicht darauf stehen: „Die anderen denken nur an Geld. Wir denken daran, wie wir am Besten helfen können.“ oder „Ja, wir zahlen auch. Versprochen.“ Die Branche hat in letzter Zeit doch einiges abbekommen, was ihren Ruf angeht. Möglicherweise sollte ich schreiben „Wenn Sie 10 Jahre keine Leistungen in Anspruch nehmen, laden wir sie zur nächsten Sexparty ein. Versprochen.“ Nachdem ich den letzten Bleistift angespitzt habe, nehme ich vier Blätter Papier aus der obersten Schreibtischschublade und bin gerade dabei, mich seelisch und moralisch darauf vorzubereiten, etwas zu arbeiten, als das Telefon klingelt.

SANDINE teilt mir das Display mit, da sich das Telefon die neu gewonnenen Kontaktinformationen bereits aus meinem Smartphone gesaugt hat.

„Ja?“ frage ich vorsichtig.

„Hallo, bist du es?“

„Ich glaube schon.“

„Und, wie geht es dir?“

„Joa, doch. Und selbst?“

Ich bin erstaunt, dass sie ob dieser Redseligkeit noch am Telefon ist.

„Ja, sehr. Und, würdest du nochmal mit mir weg gehen?“

„...“

„Hallo?“

„Ja, ja, jaja, klar. Wann, wo, warum?“

„Morgen Mittag vielleicht? Heute schaffe ich es nicht, leider. Aber ich muss sagen, dass es mir vorgestern bei dir schon gut gefallen hat. Auch wenn du mit dem Wein und so vielleicht ein bisschen dick aufgetragen hast und dein Freund Bodo ein ziemlich schamloser Macho ist.“

„Der Bodo... den muss man lieben... oder man erträgt ihn nicht. Ich weiß, was du meinst. Also morgen würde mir,“ ich raschle an dieser Stelle mit den vier Papieren auf meinem Schreibtisch und kritzle mit einem Bleistift ein Das-ist-das-Haus-vom-Nikolaus darauf, „ja, wenn ich diesen Termin raus nehme, dann klappt das schon. Kein Problem. Für dich sowieso gern!“

„Das schmeichelt mir. Da ich noch keine Uhrzeit genannt habe gehe ich davon aus, dass du unmotiviert über ein Blatt Papier gekritzelt hast?“

„....“

„Also ja. Wollte nur wissen, ob ich dich schon durchschaue oder ob du was auf dem Kasten hast. Der Versuch war leider nichts, Schmidtke.“

„Verdammt, die Frau ist der Teufel,“ denke ich bei mir.

„17 Uhr, hattest du doch... hast du doch, oder?“

„Nein, aber ist in Ordnung. Im Fredys?“

„Bist du meine Stalkerin? Normalerweise schon, aber da wir uns bisher kaum kennen... lieber ins 'L'Escargot'? Das Fredys bringt immer meine schlimmsten Seiten zum Vorschein!“

„In die Schnecke? Na gut, wenn du auf diesen französischen Kram stehst. Du brauchst mir nicht zwanghaft zu beweisen, dass du über ein Mindestmaß an Niveau verfügst, weißt du? Doch gut, die Schnecke, 17 Uhr.“

Ein Klicken in der Leitung teilt mir mit, dass meine Meinung zu diesem Zeitpunkt und Ort wohl nicht weitergehend von Belang sind und soll wohl auch zeigen, wer hier eigentlich die Hosen an hat. Ich sollte wohl schnell die Röcke raffen, vier fixe Zeichnungen für meine Werbebanner-Vorschläge zurecht kritzeln und dann herausfinden, wo dieses 'L'Escargot' überhaupt ist. Warum musste ich auch das erstbeste französische Wort einwerfen, bloß um gebildet zu wirken?

Wie hätte ich auch ahnen können, dass tatsächlich ein Franzose ganz klischeehaft seinem Restaurant einen so blöden Namen verpasst und es in meine Stadt baut? Der Plan war, dass Sandine zugeben muss, noch nie von diesem Restaurant gehört zu haben (weil ich es mir gerade ausgedacht hatte) und ich weltmännisch sagen kann: „Na dann zu Luigi, ich hol dich ab und wir gehen zusammen hin.“

Doch auch gute Pläne können scheitern und, zugegeben, es war kein besonders toller gewesen...