Berg

Oh, schau, eine Metapher!

 

Schau, sie ist ein Bild

Sie waren schon eine ganze Weile unterwegs gewesen, als sie das Bergmassiv erreichten. Der Tag ging zur Neige und hinter den Beiden schien die Nacht schwarz, während vor ihnen der Himmel noch blutrot strahlte. Der Flammenball versank bereits hinter dem Horizont.

Was ist das, fragte sie. Was tun wir hier?

Er deutete auf das Bergmassiv, dass sich reliefartig vor dem flammend roten Hintergrund abzeichnete. Eine Krone aus Gold schien die kaum zu erkennende Spitze des Berges auszumachen. Mit viel Fantasie konnte man zwei Gestalten auf der Spitze erkennen, die den beidem am Fuß des Berges ähnlich schienen. Es war nicht zu erkennen, ob es sich um Personen oder Figuren handeln mochte, sie schienen von der gleichen Farbe wie der Berg und ebenso massiv und unbeweglich. Die Kleinere der beiden Figuren lehnte den Kopf an die Größere, welche wiederum einen Arm um sie zu legen schien. So sehr Eins mit dem Berg schienen sie zu sein, dass, würden sie atmen, der Takt sicherlich der selbe wäre, mit welchem der Berg atmen würde. Und vielleicht atmete der Berg mit dem Wind, der ihn umspielte und dem Takt der Sonne, die ihn morgens kitzelte und abends schweren Herzens der Dunkelheit überließ. Wenn der Berge lebendig war, so spielte er womöglich nachts mit den Sternen und am Tag mit der Sonne und brauchte keinen Schlaf, da es nichts gab, worauf er warten könnte.

Schau, sagte der Mann zu der Frau an seiner Seite, während er weiter auf den Berg deutete. Dieser Berg ist unsere Liebe. Unverrückbar trotzt er den Gezeiten und unerschütterlich tanzt er mit der Erde, wenn sie bebt. Ausgelassen spielt er des Nachts mit den Sternen und badet am Tag im Licht der Sonne. Ich habe ihn viele Nächte beobachtet und so manchen Tag mich an seinem Glanz erfreut, und deshalb wollte ich ihn dir zeigen. Schau, wie er einerseits blutrot im letzten Licht der Sonne badet, seinen untergehenden Freund verabschiedet, um ihn Morgens wieder zu begrüßen. Wie die Sonne sich zu seinen Füßen verbeugt und ihn den Sternen überlässt, sicher, dass diese ihm die Nacht über Gesellschaft leisten und ihn vor Unbill bewahren werden. Gleich, wenn die Sonne verschwunden ist, wirst du sehen, dass unzählige Augen über ihn wachen, wenn er die Nacht atmet und wie er jenen Augen zurück lächelt, wenn sie sich auf ihm spiegeln. Mag er auch unbeweglich wirken, so ändert er sich von Tag zu Tag und Nacht zu Nacht, wenn Wind und Regen Kanten abschleifen und neue Krater schaffen, die rauen Flächen polieren und seine Haut liebkosen. Dort oben sind wir, denn wir sind ihn hinauf gestiegen. Wie du weißt, war der Aufstieg nicht leicht und so manche Kante und Ecke diente nicht nur als Halt für Hände und Füße, sondern gleichzeitig als Stolperstein, trügerische Sicherheit und Hindernis auf dem Weg. Doch wir haben ihn erklommen, weil wir wussten, dass die Aussicht die Mühsal wert sein würde. Du musst wissen, dass wir zwar angekommen sind, doch nie ganz sicher stehen können. Sind wir zu unbeweglich, so wird ein Beben der Erde uns herunter purzeln lassen. Stehen wir zu wacklig, wird der Wind uns von der Spitze stoßen und wir werden hinab fallen und uns den Rücken brechen. Doch solange wir unseren Platz an der Spitze inne haben und wissen, wie wir uns dort halten, grüßt uns jeden Morgen die Sonne mit Myriaden von Strahlen, wärmt uns und nährt uns. Jeden Abend sinkt sie zu unseren Füßen in den Boden hinab, in der Hoffnung, uns am nächsten Morgen wieder zu treffen. Und auch wenn es Nacht wird, müssen wir uns nicht fürchten, denn Unmengen von Sternen leuchten auf uns so dass du auch im Dunkel fühlen und sehen kannst, dass ich für dich da bin. Seit ich das weiß, grüße ich Morgens huldvoll die Sonne und Freude erfüllt mich. Die Welt breitet sich unter uns aus und möchte unsere Spielwiese sein. Solange du und ich dort sind, kann mich nichts erschrecken. Darum sind wir hier.

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