Sequenz 5 – Future Perfekt

Erneut merkwürdiger Besuch beim Kaffee trinken.

 

Der Tag mit Fearless John liegt hinter mir und heute ist Samstag. Zumindest bin ich mir ziemlich sicher, dass es sich um einen Samstag handelt; der Verkehr auf der Straße ist so dicht wie eh und je, die Menschen wirken so gehetzt wie eh und je, der einzige Unterschied ist, dass es bereits Mittag ist und niemand angerufen hat, warum ich nicht in meinem Büro erschienen bin. Dies unterstreicht meine Vermutung, dass heute Samstag ist.

„Schau an, du lebst noch“, sage ich zu mir selbst und erhebe mich aus den Federn. Ohne mich weiter um Hausschuhe oder Bekleidung zu kümmern, bewege ich mich schnurstracks in die Küche. Dort bereite ich mir einen Kaffee zu, erlebe den Kochvorgang praktisch synästhetisch, sehe den Kaffeegeruch als rotbraunes Band sich aus der Maschine erheben und durch die Luft schweben. Unter der Decke angekommen, verteilt er sich in der Luft, färbt sie in einem hellen Rotbraun und füllt so Schritt für Schritt die Küche aus, sich langsam nach unten vor arbeitend. Kleine Geruchsfäden brechen vom Geruchsstrang ab und entfalten sich in alle Richtungen, dringen in meine Nasenlöcher ein und kitzeln dort die Geruchsnerven. Die Vorfreude lässt mich ekstatisch quietschen und direkt im Anschluss fröhlich pfeifen, während ich Tasse, Milch und Zucker vorbereite, um die drei elementaren Genusselemente des Tages baldigst zu vereinen.

Ich trommle leicht ungeduldig auf der Tischplatte. Dumm tadada dumm tadada dumm tadada. Trippel Trippel. Dumm. Dumm. Klatsch!

Kaum ist der Kaffee durchgelaufen, lasse ich die braune Armee sich auf die unterlegenen Milchlande gießen, die wie Custer einst unterging. Cuius tassio eius caffeino! Natürlich ist das vollkommen missbrauchtes Pseudo-Latein, schießt es mir durch den Kopf. Doch es ist mir egal, mein Kopf, mein Kopf, mein Latein, mein Lateins!

Ideolekt, denke ich.

„Nicht so ungeduldig, junger Mann!“, kommt es aus der Richtung des Küchentisches. Ich zucke zusammen. Langsam und mit einer schlechten Vorahnung im Bauch, drehe ich mich herum und schaue in Richtung des Tisches. Ein älterer Herr mir grau meliertem, kurz geschnittenem Haar – durch welches am Hinterkopf eindeutig die Kopfhaut hervor blinzelt, scheinbar scheu und etwas ängstlich – sitzt dort.

Ich hebe die Augenbrauen, um mein Erstaunen nonverbal zu kommunizieren. Du kannst nicht nicht kommunizieren, denke ich, also kannst du auch gleich die Augenbrauen heben, statt zu versuchen, unbeeindruckt zu wirken!

„Ja bitte?“, versuche ich eine kecke Frage, um dem ungebetenen Gast den Wind aus den Segeln zu nehmen, „Wie kann ich Ihnen dienen?“.

Der Mann räuspert sich. „Ist Ihnen klar, junger Mann, dass sie im past partout leben?“

Ich schaue verwirrt – zumindest nehme ich an, dass mein Gesichtsausdruck aufgrund meiner inneren Verwirrung diese nach außen kommuniziert.

Nein, das war mir bisher nicht klar. Außerdem war ich bisher davon überzeugt, dass es passe partout hieße, weil selbst die unförmigste Figur…“

Papperlapapp,“ unterbricht er mich, „das tut nichts zur Sache. Hat auch nichts mit einander zu tun. Das past partout ist weniger eine grammatikalische als eine erlebte Zeit. Erlebt bewusst im Präteritum! Sie haben erlebt und deswegen erleben sie nicht mehr, weil, was sie erlebt haben, ihr Erleben durch das Erlebte ersetzt und überschattet wird! Überschattet wird, ja! Present continuous oder auch present progressive würde der Engländer sagen, weil es weiterhin geschieht, nicht geschehen ist oder wird, sondern am Geschehen ist! Ja, sie könnten durchaus bereits tot sein, das würde keinen Unterschied machen. Herrgott! Sie fangen sogar ihren Tag mit der selben Szenerie an, wie sie bereits andere Tage begonnen haben. Wäre ich nicht hier, würden sie vermutlich noch fix Gemüse zerhäckseln, um damit irgendwann eine Suppe zuzubereiten, die sie dann doch nie zubereiten, praktisch das past partout für ein wenig present fictitious unterbrechen! Eine Zukunft, die nie statt findet. Lebender Konjunktiv!“

„Woher wollen sie das eigentlich wissen? Vielleicht besteht mein Leben geradezu durchgehend aus Abwechslung!“

Wäre dem so, würde ich sagen, dass sie im present parfait leben. Das tun sie aber nicht.“

„Womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären: Woher wollen sie das eigentlich wissen?“

„Ich weiß es eben. Bin allwissend oder so. Vielleicht auch eine Projektion ihres Unterbewussten, das Es, das das Ich übernehmen will, um ihm mal gründlich im Kopf den Kopf zu waschen. Was für einen Belang hat das eigentlich? Ich bin hier, damit sie etwas lernen, also sperren sie ihre unbehaarten Lauscher auf und hören sie zu!

Ihr Dasein, also ihr So-Sein, wie es gerade so ist, ist nicht gerade ein locus amoenus! Somit ist, sofern ich wirklich das Es bin, das dem Ich die Leviten lesen will, auch mein So-Sein, Dasein und überhaupt Sein ebenfalls très miserable!“

„Wenn ich kurz unterbrechen darf… warum benutzen sie dauernd Fremdwörter?“

Ich kann nicht anders. Ich bin Akademiker. Ich lebe mit, in, durch und für Bücher. Würde eine parenthetische Zitierweise meinen Redefluss nicht vollkommen idiotique wirken lassen, würde ich es tun. Aber ich fürchte es ist für den Zuhörer bereits schwierig genug, meine kursive Sprechweise nachzuvollziehen. Und ich möchte ihr Erbsenhirn ja nicht überbeanspruchen. Dies ist praktisch schon meine populärwissenschaftliche Ausgabe, junger Mann! Also seien sie contente!“

„Nun gut, Herr Populärwissenschaft, was ist es denn, was ihnen aufstößt?“, frage ich, erneut mit hoch gezogenen Augenbrauen, während ich an meinem Kaffee schlürfe.

„Ich möchte sie aus ihrer Passivität reißen, auf die inneren Barrikaden bringen! Sehen sie, wenn sie täglich das Gleiche tun, könnten sie auch tot sein. Die Toten liegen herum, reden nicht und sind trotzdem in etwa so produktiv wie sie. Während jene dort unter der Erde liegen, nähren sie ein kleines Ökosystem! Sie, der Lebende, wiederum, nähren sich selbst mit dem Erwirtschafteten und vielleicht am Rande noch die ein oder andere lebende Person. Wenn ich es genau betrachte, ist ein Toter möglicherweise produktiver.“

„Nun, in mindestens einem Punkt bin ich der Leiche voraus: Ich denke. Ich bin.“

„Soviel mehr als einer der unter der Erde ruht, scheinen sie mir nicht zu denken. Wie sie wissen, weiß ich alles. Ich denke, der größte Teil davon ist Schrott. Haben schon Millionen Leute gedacht, das was sich da drinnen abspielt. Viele davon besser.“

„Produktiv gewesen, Bücher geschrieben und Dinger erlebt haben auch viel, und was hat es ihnen gebracht? Nichts, auch die genialsten Hirne von Gestern nähren heute Würmer!“

Der Mann lässt ein theatralisches Seufzen entweichen, rollt die Augen, schüttelt den Kopf. Schmatzt. Dann spricht er weiter: „Sicherlich. Wer redet denn von Produktivität im Sinne von Produktion. Ihr Hippocampus ist wohl mit dem limbischen System verschmolzen, was? Unzählige Sandkörner ergeben einen Strand, eins davon sind sie. Wen interessiert, was sie produzieren? Produzieren kann jeder. Sie haben eben Kaffee produziert, indem sie heißes Wasser über zermahlene und geröstete Bohnenleichen gegossen haben. Gratulation. Ich meine produktiv sein, sorgen sie dafür, dass diese einzelnen Episoden, aus denen sich ihr Leben zusammen setzt, ein Ganzes werden, auf etwas hin streben. Für den Protagonisten ist die Teilnahme an einer Geschichte immer besser, sofern er auf etwas hin arbeitet oder Teil eines größeren Ganzen ist.

Das heißt nicht, dass die ganze Geschichte eine einzige Hyperbole sein muss, auch kein Epos oder eine Aventüre. Sie können das ruhig ganz gelassen angehen, aber nunja, Klimax! Kleine und große Höhepunkte! Freude! Immerhin haben sie – und ich – dann etwas davon. Und wenn das mit ein paar materiellen Erfolgen einher geht, wieso nicht, ich habe jedenfalls nichts dagegen.“

Ich streiche mir mit Daumen und Zeigefinger gespreizt über die Stirn, wie um die Falten glatt zu streichen. Das war verdammt viel Input. Und ein ganzer Haufen Kritik, den ich nicht für gerechtfertigt halte. Was weiß der Kerl überhaupt?

Als ich mit der kurzen Stirnmassage fertig bin und die Augen öffne, während ich einatme, um dem Kerl eine Gegenpredigt zu halten, sehe ich, dass er verschwunden ist. Der Rest meines Kaffees ist außerdem kalt.

„Warum immer ich?“, schießt es mir noch durch den Kopf.

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