Sequenz 11 – Brustfleisch

Es ist stürmisch draußen. Der Wind reißt und rattert am Haus und versucht, mit seinen Krallen in den Ritzen des Verputzes, an den Ecken, an der Dachrinne, irgendwo Halt zu finden, um es auseinander zu reißen und an die leckeren Menschenhäppchen im Inneren heran zu kommen.

Blitze schießen vom Himmel herab und gehen wie Warnschüsse in der unmittelbaren Nähe des Hauses herunter, graben sich ins Erdreich. Tiefes, lauten Grollen und Rumpeln folgt dem Aufblitzen mit kaum merklicher Verzögerung. Das Epizentrum des Gewitters muss genau über uns hängen. Uns?

Ich werde mir gewahr, dass Ivy sich mit mir im Haus befindet. Sie klammert sich an mich und zuckt bei jedem neuen Blitz zusammen.

Ich weiß, dass ich sie beschützen muss, wenngleich ich nicht weiß, in welchem Haus wir uns befinden, wieso wir uns in diesem Haus befinden und wie es dazu kam, dass sie und ich uns hier befinden. Wenn ich die Tatsache, dass sie vor einer Weile mit mit Schluss gemacht hat, um mit der Frau von dieser Party durchzubrennen, betrachte, kommt es mir etwas merkwürdig und unwahrscheinlich vor, dass wir zwei zusammen in diesem komischen Haus sind.

Ein lauter Knall lässt meine Gedanken auseinander spritzen. Wir müssen in den Keller! Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Wind mit seinen Krallen das Dach abgerissen hat und die Wände umknickt, um das saftige Menschenfleisch zu erreichen, das sich darin verbirgt.

Zusätzlich dazu, dass ich den Wind anthropomorphisiere, glaube ich seine Stimme zu hören. Sie singt fröhlich: „Menschenfleisch, Menschenfleisch, gib mir zartes Menschenfleisch! Find ich nicht die Menschen gleich, klopf‘ ich mir ein Lämmchen weich! Komm mit Blitzen, flämmchenreich, hol euch aus dem Hemdchen gleich, gebt mir, gebt mir Menschenfleisch!“

Es läuft mir eiskalt den Rücken herab. Ich schiebe Ivy vor mir her, die stumm zitternd einfach tut, was meine Berührungen ihr gebieten. Wir eilen die Steintreppen in den Keller herab, ein Gewölbe, wie man es in einem Weinkeller findet. Immer noch können wir den Wind heulen hören. Ein Krachen, anders als die Donnerschläge, die das Haus von allen Seiten bearbeiten, dringt bis zu uns herunter. Es klingt, als habe eine große Faust einen Baum in der Mitte durchgebrochen, um ihn als Zahnstocher in einem übergroßen Mund zu verwenden.

Es wir kälter, der Luftzug stärker, und ich begreife, dass es das Dach, oder zumindest ein Teil des selbigen gewesen sein muss. Ivy und ich kauern uns Schutz suchend in eine Ecke. Es gibt keinen Weg, der uns noch offen steht. Raus können wir nicht, tiefer können wir nicht. Ein Ächzen und Reißen erklingt von Oben und ein starker Sog entwickelt sich.

Bevor ich richtig begreife, was geschieht, sehe ich, wie Ivy auf den Ausgang zu gezogen wird. Sie versucht, sich mit den Füßen im Boden einzugraben, mit den Armen an den Wänden Halt zu finden, aber es zeigt keine Wirkung. Ich greife nach ihren Händen und halte sie fest, während ich mich gleichsam mit den Füßen im Boden ein scharre. Welch Glück, dass es eine Art Kiesboden ist, kein Beton. Ivy schwebt mittlerweile in der Luft, flattert wie eine Fahne im Wind, ihre Füße zeigen in Richtung der Kellertür.

Während ich versuche, sie fest zu halten, merke ich, wie sie meinen vom Schweiß nassen, klammen Fingern zu entgleiten droht. Seltsamerweise macht sie dabei ein gleichgültiges Gesicht, scheint nicht in Panik zu sein. Ihre Hände, mit welchen sie sich an meinen Handgelenken fest hält, lassen plötzlich los und ein Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus.

„Du musst hier raus!“ sagt sie.

Ich weiß, dass ich diesen Satz irgendwo her kenne. Während ich noch versuche, einen Sinn daraus abzuleiten, entgleitet sie mir vollkommen und fliegt, gleich einem Ballon, bei welchem man den Knoten geöffnet hat, dem Ausgang entgegen.

Ich höre den Wind aufjauchzen: „Brustfleisch!“

Dann erstirbt er und es tritt schlagartig Ruhe ein. Warme Tropfen treffen meine Haut. „Blut,“ denke ich, „es ist ihr Blut! Es tropft durch die Decke auf mich!“

Ich schrecke hoch und wische mir panisch über das Gesicht. Dabei wird mir schlagartig klar, dass etwas an der Szenerie nicht mehr stimmt, die ich bis eben noch ohne weitere Bedenken als real angenommen hatte. Unter meinem Hintern befindet sich kein Kiesboden. Vielmehr handelt es sich um klammes, nasses Gras. Die warmen Tropfen sind keine Blutstropfen von Ivy, auch wenn ich einen kurzen Moment wünschte, sie wären es.

Wie ich aus dem weg rennenden Typen, den mein Aufschreien ziemlich erschreckt zu haben scheint, sowie der Art, auf die er seine Hose fest hält, schließen kann, handelt es sich bei den Tropfen ganz und gar nicht um Blut.

So ist das im Leben. Du hast nicht gelebt, wenn du nicht mindestens einmal angepisst wurdest. Deine Mitmenschen erledigen diese Aufgabe glücklicherweise gerne und hingebungsvoll für dich, wenn auch nicht immer in so einem wörtlichen Sinne, wie der Mitmensch, der gerade versucht zu rennen und dabei nicht über seine Hose zu stolpern. Hoffentlich hat er sich seine Schrumpfnudel vor Schreck im Hosenlatz eingeklemmt!

Klar, wenn ich so blöd auf einer Wiese herum liege und schlafe, bin ich irgendwo selbst schuld. Aber ich hatte ja nicht geplant, hier einzuschlafen und im Dunkeln als Zielscheibe für betrunkene Penner zu dienen. Im Gegenteil, es hat mich selbst sehr überrascht. Das ist das Problem mit der Meditation: Man legt sich zur seelischen und körperlichen Entspannung auf eine Wiese und eh man sich versieht, ist man eingeschlafen.

Da hat man dann 40 Euro in das Neueste Qi Gong oder Zen oder Ongbidongbak-Buch investiert, nur am letztlich doch der Angepisste zu sein.

Und meine Eva ist auch nicht auf magische Weise erschienen, um mich von der Qual der Suche zu erlösen und in ihre Arme zu nehmen.

Wenn ich durch meine Meditation auf der Wiese etwas gewonnen habe, so ist es vermutlich ein neuer, gegen alle Antibiotika resistenter Bakterienstamm!

Und einen wirklich grauenvollen Alptraum. Ich kann mich nicht entscheiden, was schlimmer war: Der Alptraum an sich, die Szenerie oder die Tatsache, dass es Ivy war, die ich zu retten versuchte. Brustfleisch… was ist eigentlich nicht in Ordnung mit mir?

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