Christel und die Morgianer

Es war eine kalte Dezembernacht. Wie es die Tradition so wollte, schneite es vor den Fenstern der Kleinstadt ausreichend, aber nicht verkehrsbedrohend. Einige wenige Wagen schlichen noch durch die Dunkelheit, auf dem Weg irgendwo hin von irgend woher kommend. Christel wunderte sich, was denn all diese Leute in ihren Blechkisten noch so dringendes zu erledigen hatten, schließlich war ja schon der Elch geschlachtet und dekoriert und Oma lag brutzelnd im Ofen.

Vielleicht mussten sie noch dringend einen Braten besorgen oder hatten keinen Elch, um den sie tanzen konnten. Oder sie gehörten zu diesen merkwürdigen – ihr schauderte, als sie an diese Möglichkeit dachte – „Christen“, die in der heutigen Nacht keine besondere Bedeutung sahen und nicht einmal – und das war eindeutig der größte Frevel – dem großen Morg ein Opfer brachten. Ihre Mutter hatte Christel erzählt, dass jene merkwürdigen Menschen, die sich Christen nannten, daran glaubten, dass ein Prophet an diesem Tag vor vielen, vielen Jahren geboren wurde und feierten nun dessen Geburtstag.
Dieses Fest nannten sie Weihnachten, und statt einem Elch stellten sie einen Weihnachtsbaum auf. Auch ihre ältlichen Verwandten blieben an diesem Tage ungekocht, ungebraten und insgesamt ungetötet. Das musste man sich einmal vorstellen: diese Menschen – falls man sie denn wirklich so nennen durfte – taten nichts, aber auch gar nichts gegen die Überbevölkerung, die auf der Erde grassierte! Es wunderte Christel nicht im Mindesten, dass dieser rückständige Glaube im Untergang begriffen war. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass vor vielen Jahren ein Großteil der Menschen dem Christentum angehangen hatte, und Christel war insgeheim schon allein aus diesem Grunde sehr froh, dass sie nicht früher geboren worden war. Und überhaupt, welchen Vorteil hätte es schon gehabt, wenn sie früher gelebt hätte?
Damals waren – laut Erzählungen ihrer nun brutzelnden Oma – noch alle Autos mit einem Stoff betrieben, der sich Benzin nannte und die Luft musste wohl kaum einzuatmen gewesen sein. Oma erzählte sogar, dass sich damals alle Menschen Gedanken machen mussten, weil die Luft zu schlecht, das Wetter zu wechselhaft und das Essen zu ungesund waren.

Sie schüttelte angewidert den Kopf. Tiefstes Mittelalter musste das gewesen sein, dachte sie, auch wenn die Menschen von damals auf das wahre Mittelalter ebenso kopfschüttelnd zurückgeschaut hatten, wie sie nun auf das, was ihr als ein dunkles Mittelalter erschien. Sie war froh, dass sie im Jahre 30 nach Morg leben durfte, oh ja das war sie. Ihre Mutter hatte ihr alles erzählt über Morg den großen Weltenretter. Er sei damals nach seiner Ausbildung an der besten Universität der alten Welt zu dem Schluss gekommen, dass es Änderungen geben müsse und habe deswegen mit Gaja, der Erde, kommuniziert und auf ihre Anweisungen hin „SpirituMega“ entwickelt, eine Substanz, die es ihm ermöglichte, als Gefäß für Gajas Gedanken zu agieren und ihre Wünsche zu erfüllen. Zusätzlich kam er in den Genuss, den ganzen Tag ihre schönsten Farben zu sehen und ihre wundervollsten Gerüche in seiner Nase prickeln zu spüren.
Seine Beschreibung und die SpirituMega genannte Substanz begeisterten bald zahllose Anhänger, die in den selben Genuss kommen wollte und nach einem speziellen Auswahlverfahren auch durften. SpirituMega ließ sie von nun an jederzeit wissen, was die Bedürfnisse Gajas waren und was getan werden musste. Und Morg führte sie in die Schlacht, die die Menschheit befreien und vor dem Untergang bewahren würde.

Der Anfang musste, soweit Christel wusste, eine schwere Zeit gewesen sein. Immerhin gab es einige, die nicht auf die erleuchteten Worte Morgs hören wollten und diese mussten entweder überzeugt werden oder eben aus dem Weg geschafft. Die ersten Feste zu Ehren Morgs waren ausufernd und jeder, der dem Pfad von Morg treu folgte, hatte einen Braten für seine Familie. Jedes Jahr. Der Braten musste zu Anfang noch von einem Ungläubigen gestellt werden, damit die Gläubigen ihre bösen Ansichten und ihr widriges Tun internalisieren und durch das Gute in ihnen selbst purifizieren konnten. Denn die Reinigung der Welt musste außen und innen stattfinden, ohne eine Harmonie von beidem konnte nichts passieren.

Doch der Prozess der Konvertierung und Purifikation war noch nicht ganz abgeschlossen, schließlich gab es da draußen noch einige dieser fürchterlichen Heiden. Und nicht nur Christen, auch Moslems und Buddhisten und andere fehlgeleitete Irre trieben noch ihr Unwesen. Christel schauderte erneut ob der bösen Welt, die dort draußen lauerte, obgleich doch alle nur das Beste wollten für selbige – zumindest alle Morgianer!

Doch das Fest war kein Anlass für solch trübe Gedanken, denn im Fest wurde nicht nur Morg gefeiert, sondern auch alles, wofür er und seine Anhänger standen: Eine glänzende Zukunft – oder die Hoffnung auf eine solche -, Friede, Freude, gesunde Luft und eine zufriedene Mutter Gaja. Die bösen Dinge dieser Welt konnten an diesem Tag und zu dieser Zeit keinem guten Morgianer etwas anhaben. Und diejenigen, denen doch etwas zustieß am Tag des Festes – nun, diese speziellen Morgianer waren offensichtlich Heuchler, die nicht fest genug an das glaubten, was Morg repräsentierte. Und in wessen Kopf der Zweifel wohnt, gehört entthront, wie Morg selbst in seiner großen Weisheit und Güte oft zu reimen pflegte. Entthront werden war in diesem Fall mehr etwas wie ein Euphemismus, doch hätte sich „entleibt“ oder „hernieder gestreckt“ auch nicht gereimt – womit bewiesen wäre, dass Morg wusste, was er tat.

Christel strahlte selig. Alles war in Ordnung und dies würde das allerbeste Morgfest überhaupt werden, egal, wer da draußen in Blechkisten durch die Nacht fegte. Schade eigentlich, dass Oma das nicht mehr erleben konnte, dachte sie. Nun, aber das war der Preis. Vielleicht hätte die Bevölkerung auf eine „natürlichere“ Weise verringert werden können, aber viele der Andersgläubigen wurden nun mal nicht gegessen, sondern konvertiert. Vermutlich zu einem großen Teil deshalb, weil die Kühlschränke der Welt nicht ausgereicht hätten oder das Einfrieren dem Geschmack geschadet hätte. Christel wusste nicht so recht, warum nicht alle dieser niederträchtigen Menschen auf dem Teller landeten, aber Morg würde schon seine Gründe haben, wie Oma immer gesagt hatte.

Die letzten Tage mit Oma waren schwierig gewesen, immerhin wusste sie, dass sie dieses Morgfest im Ofen landen würde – sie war alt und dass sie ein weiteres Morgfest erleben würde, war unwahrscheinlich. Viele Jahre konnte sie vor diesem Fest erleben und viele schöne Jahre waren das gewesen. Wenn man es genau nahm, trug der Festbraten dieses Jahr nicht direkt dazu bei, die Überbevölkerung zu begrenzen, aber die Familie Wunderkind (Christel, ihre Mutter Mag, ihr Vater Mozart und ihre – noch ungeborene – Schwester Sandrine) war keine große Familie und somit von strikteren Regeln unberührt. Andere Familien – vor allem jene, die mit der Kalender- oder der Temperaturmethode des Morg nicht vertraut waren – hatten es schwieriger. Ihre Klassenkameradin Babette zum Beispiel hatte beim letzten Morgfest keine große Freude, denn in diesem Jahr musste ihr Vater in den Ofen. Sie waren mit vier Kindern eine so große Familie geworden, dass „Reduktionen“ vorgenommen werden mussten. Doch bis die Schule im neuen Jahr wieder angefangen hatte, war Babette einigermaßen darüber hinweg und hatte verstanden, dass es besser war, ihren Vater zu verlieren als dass Gaja die ganzen Menschen in sich aufsaugt oder mit Winden von ihrer Oberfläche bläst.

Alle mussten gewisse Opfer bringen, für den einen waren sie schwerer, für den anderen leichter. Nicht zuletzt deshalb waren die Morgianer schlecht auf die Andersgläubigen zu sprechen, schienen sich diese doch überhaupt nicht um den Willen Gajas zu scheren! Christel hatte sogar Geschichten gehört, dass es sogar einige Familien mit mehr als zehn Mitgliedern unter den Andersgläubigen gäbe. Unvorstellbar! Ihre Gedankengänge wurden unterbrochen, als ihre Mutter aus der Küche herüber kam und rief:
„Christel! Oma ist gleich fertig und ich möchte, dass du dir die Hände wäschst, bevor wir zum Essen zusammen sitzen. Und sag bitte deinem Vater Bescheid, dass er herunter kommen soll, er schraubt noch an irgend etwas in seinem Büro herum.“

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