Christel und die Morgianer

Christel wollte gerade hinauf gehen, als es an der Tür klopfte. Wer konnte das nur sein? Sie war verwirrt. Da sich ihre Mutter nicht aus der Küche bewegte und das Klopfen gar nicht gehört zu haben schien, ging Christel selbst zur Tür und schaute durch den Türspion. Ein bärtiger Mann stand davor, weißhaarig und dünn. Er sah aus als würde er frieren. Mitleid regte sich in Christel und sie öffnete die Tür einen Spalt weit.

„Entschuldige, dass ich störe, ich weiß, dass dieser Tag euch heilig ist und ihr Störungen nicht gerne habt…“ das „ihr“ in seiner Ansprache irritierte Christel. Wen meinte er damit? Ihre Familie? War ihre Familie so besonders am Tag des Festes? Oder meinte er alle Morgianer damit? Warum sollte er sie in diesem Fall mit „ihr“ ansprechen wie ein Außenstehender? War er etwa.. sie erschrak. Konnte es wirklich sein, dass er einer von IHNEN war? Also von denen, nicht ihnen, sondern eben denen da?

Er sprach weiter: „also jedenfalls entschuldige ich mich für die Störung, aber ich wollte fragen, ob ihr vielleicht einen Platz an eurem Tisch hättet für einen armen Mann, bei dem es schon lange keinen Braten mehr gab.“

Christel schlug ihm die Tür vor der Nase zu und rannte in die Küche, so schnell sie ihre kleinen Beinchen trugen. „Mama, Mama, da steht ein komischer Mann vor der Tür und ich weiß, wir sollen gute Menschen sein und denen, die uns nahe stehen helfen, aber ich wollte ihn nicht einfach rein lassen. Mama, was soll ich machen? Soll ich ihn rein lassen, Mama?“

„Hol deinen Vater, Süße. Ich werde ihn mir mal anschauen. Sag Papa, er soll einen Stock mitbringen. Man weiß ja nie.“

Christel sauste die Treppen hinauf zum Arbeitszimmer ihres Vaters, während sie unten die Tür aufgehen hörte. Die Tür war im ganzen Haus zu hören, da sie seit Monaten schon quietschte. Eigentlich wollte Vater sie schon eine Weile eingefettet haben, aber Fett war kein billiger Rohstoff und deshalb war diese Aufgabe aufgeschoben worden bis zum Fest. Da blieb immer ein wenig Fett übrig. Sie hatte das Arbeitszimmer erreicht und klopfte. „Ja?“ kam die tiefe, beruhigende Stimme ihres Vaters aus dem Zimmer. „Mama möchte, dass du runter kommst und du sollst einen Stock mitbringen oder so, weil da ein Mann an der Tür ist. Den kennen wir nicht und er hat Hunger und Mama ist schon an der Tür um raus zu finden, was er will.“

Vater sah überrascht aus. Scheinbar hatte er auch nicht damit gerechnet, dass noch jemand heute in das Fest herein platzen würde.

„Nun gut. Bin sofort da.“ Christel wartete kaum, bis er ausgeredet hatte und flitzte die Treppen schon wieder herunter, bevor er seinen massigen Körper ganz aus dem Zimmer gepresst hatte. Ihr Vater war wirklich nicht der leichteste Mann auf Erden. Von diesem Braten würde sie eines Tages eine ganze Weile zehren können, schoss ihr durch den Kopf. Das machte sie irgendwie traurig, aber sie wusste nicht, was man daran ändern könnte. Sie schniefte und schob den Gedanken beiseite. Kaum hatte sie das getan, war sie auch schon an der Tür angekommen und schaute neben ihrer Mutter durch den Schlitz, den sie auf gemacht hatte. Der Mann stand immer noch davor, und jetzt, wo sie ihn genauer betrachten konnte, weil sie sich neben ihrer Mutter sicher fühlte, fiel ihr auf, dass er noch dünner war, als es zuerst den Anschein gemacht hatte. Und er zitterte offensichtlich wegen der Kälte.

Ihr Vater kam von oben und schnaufte dabei vernehmlich. „Was gibt es denn?“ fragte er kurz angebunden. „Er fragt, ob er mit uns zu Abend essen kann, er ist hungrig und arm und ziemlich verfroren.“

„Hm.“. Vater musterte den Fremden von oben bis unten: „und darf ich sie fragen, wie halten sie – mein Herr – es denn mit der Religion?“ knurrte er zwischen den Zähnen hervor.

„Ich wäre glücklicher gewesen, wenn sie mich an diesem Fest der Liebe nicht gefragt hätten, von Mensch zu Mensch wären wir uns sicher nicht so fremd gewesen, wie sie zu denken scheinen.“ der Mann hielt kurz inne. Dann fuhr er mit leiserer Stimme fort, die klang, als zerre man einen mit Steinen beschwerten Sack über einen Holzboden: „Ich bin Christ.“

Die Miene von Vater verfinsterte sich, als er Mutter beiseite schob und die Tür vollends öffnete. Der Stock, den er mitbringen sollte, glich eher einer Keule, wie Christel bei genauerer Betrachtung feststellte. Er klopfte mit selbiger in seine geöffnete, fleischige linke Hand und sagte leise und weiterhin knurrend: „sie sollten besser gehen, alter Mann. Morg und alle seine Anhänger sind nicht gut auf sie zu sprechen und wenn sie nicht gehen, klopfe ich sie zurecht wie ein gutes Steak.“

Der Mann hob abwehrend die Hände: „Aber nennen sie dieses Fest nicht auch Fest der Liebe?“

„Natürlich. Aber wir lieben uns, nicht sie. Gehen sie.“

Der Mann wandte sich ab und schlurfte in die Nacht davon, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Vater schnaufte zufrieden und schloss die Tür. „Gut, dass wir diesen Kerl los sind! Lasst uns essen gehen.“

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