Christel und die Morgianer

Christel konnte diesen Abend nicht einschlafen, der Mann hatte sie erschüttert, so verfroren und offensichtlich hungrig und verzweifelt. Das Abendessen war schweigend verlaufen und ihr Braten hatte ihr nicht geschmeckt. Er hatte einfach einen falschen Beigeschmack, fand sie. Ihr Vater hatte Unrecht, dachte sie. Wenn man liebt, wie konnte man dieses Gefühl begrenzen und sagen, man schenkt es nur demjenigen, den man schon kennt? Es erschien ihr nicht richtig. Jeder sollte eine Chance haben, dieses Gefühl entgegengebracht zu bekommen.

Nachdem sie eine Weile mit dem Versuch verbracht hatte, doch einzuschlafen, entschloss sie sich aufzustehen. Sie zog sich ihren dicksten Pullover, ihre dickste Hose, eine rote Pudelmütze und dicke Schuhe an. Eine Jacke schnappte sie sich auch noch. Dann kletterte sie aus dem Fenster, wieder einmal erfreut, dass ihr Zimmer im Erdgeschoss war, während Mutter und Vater oben schliefen. Sie lehnte das Fenster von außen wieder an, bevor sie in die Nacht davon stiefelte.

Die Spuren des alten Mannes waren nicht schwer auszumachen. Der linke Schuhabdruck versank jedes Mal tief im Schnee, als sei diese Hälfte seines Körpers schwerer als die Andere. Der rechte Schuhabdruck war weniger ein Schuhabdruck als eine Schleifspur. Offensichtlich hinkte der Mann, was ihr vorhin an der Tür nicht aufgefallen war.

Eine weitere Welle des Mitleids überflutete ihren Körper und wusch die letzten Zweifel an ihrem Vorhaben hinweg wie eine Welle, die Spuren am Strand davon schwemmt. Sie beschleunigte ihre Schritte und folgte der Spur weiter in die Dunkelheit der wie ausgestorben vor ihr liegenden Kleinstadt. Sie lief und lief und dachte schon, sie würde gar nicht mehr dort ankommen, wo auch immer der Mann hin gegangen war, als sie das Ortsschild sah, unter dem ein Mensch zusammengesunken saß. Scheinbar musste er sich ausruhen. Vielleicht wollte er zu Atem kommen, bevor er beim letzten Haus des Ortes klopfte, dachte sich Christel.

Die Anderen mussten ihn ebenso abgewiesen haben wie ihr Vater. Sie schämte sich und verspürte wieder Mitleid mit dem armen Mann. Sie ging auf ihn zu und tippte ihm auf die Schulter, die am Schild mit dem Ortsnamen – Freundstadt – lehnte. Der Mann reagierte nicht. Sie schüttelte ihn ein wenig mit der geringen Kraft, die sie hatte. Er rutschte zur Seite weg und blieb halb auf dem Rücken liegen. Seine Augen starrten in die Sterne, blicklos.

Christel rannen einzelne Tränen über die Wangen. Sie kam zu spät. Sie wollte ihm ihr Erspartes geben, damit er sich etwas essbares leisten konnte, doch es war zu spät. Sie war wütend. Wütend auf sich und ihren Vater. Und traurig. Unendlich traurig, dass dieser arme Mann erfrieren musste, nur weil er nicht sah, was Morg ihnen offenbart hatte.

Sie wendete sich ab und schluchzte. Als sie sich abwendete, fiel ihr Blick in das Fenster des letzten Hauses der Ortschaft.

Ein Weihnachtsbaum stand in diesem Haus und um diesen herum saß eine Familie. Mutter, Vater, zwei Kinder, Oma und Opa. Scheinbar war keiner von ihnen im Ofen gelandet. Die Abscheu, die sie noch wenige Stunden vorher empfunden hätte, verschwand in der selben Sekunde, in der sie aufflackern wollte. Alle waren da, die ganze Familie. Und sie lächelten. Egal, was das Drumherum beinhaltete, Baum oder Elch, sie saßen zusammen und sie hatten offensichtlich Freude daran. So etwas sollte nicht verboten sein, fand Christel. Es sollte etwas sein, an dem man sich erfreut. Zwanglos, freudig und mit allen, die einem wichtig waren.

Christel stand da und schaute weiter in das Fenster. Schnee fiel vom Himmel. Und sie wusste nicht mehr, wo sie hin gehörte. Und auch nicht, ob das wirklich wichtig war.

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