Sequenz 14 – Auslandsaufenthalt

Das Restaurant, oder vielmehr die Futterabsteige, die ich uns stilsicher ausgewählt habe, ist spärlich beleuchtet und da die Sonne nicht mehr so prall leuchtet, wie sie es noch um die Mittagszeit getan hat, schattig.

Wir nehmen uns eine Speisekarte vom Tisch, wozu wegen dessen klebriger Oberfläche doch einiges an Kraft notwendig ist, und studieren das Angebot. Scheinbar hat der Koch ein Faible für Kartoffeln, denn das Menu besteht zum größten Teil aus selbigen. Rosmarinkartoffeln, Kartoffeln in Tomatensoße, Bratkartoffeln mit „Omlett“, wie der rechtschreibkreative Designer es ausdrückt, und einige weitere interessante Kreationen. Bodo faltet mir gegenüber die Hände und schließt andächtig die Augen.

„Was machst du denn da?“, frage ich.

„Ich bete zum Herrgott, dass er mich von der Lebensmittelvergiftung verschonen und das Schnitzel kein Formfleisch sein möge,“ grummelt es zurück.

Ich rolle meine Augen, um zum Ausdruck zu bringen, wie sehr ich solch kleingeistigen Überlegungen überlegen bin. Dabei fühle ich mich sehr erleuchtet und über die materielle Welt erhaben.

Die Kellnerin nimmt unsere Bestellung nach nunmehr 25 Minuten der stillen Einkehr entgegen, während sie mit einer Hand in der Nase bohrt und mit der anderen Hieroglyphen auf ihrem Notizblock zeichnet.

Wieder 10 Minuten andächtigen Schweigens später bringt sie uns zwei Bier ohne Schaumkrone und zwei Jägermeister. Mein Glas hat Lippenstift am Rand. Während Bodo mich mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen anschaut, proste ich ihm scheinbar ausgelassen zu und stürze den Kräuterschnaps mit einem Zug herunter. Über den Nachgeschmack von kalter Zigarettenasche mache ich mir vorsorglich keine weiteren Gedanken. Weitere 20 Minuten des angestrengten Am-Glas-nippens später bringt die Kellnerin, welche doch eine angenehmere Figur hat, als ich zuerst dachte, uns unser Essen. Ihre Schuhe machen beim Laufen saugend-schmatzende Geräusche.

Während Bodo noch mit einer Serviette das Besteck poliert, stopfe ich mir bereits die erste Scheibe meines Zigeunerschnitzels mit Bratkartoffeln in den Mund. Ein wenig verwundert es mich schon, dass Zigeunerschnitzel keine Paprika in der Soße haben, dafür aber Pilze, doch ich denke, dass ich so wenigstens herausfinden kann, ob es denn berechtigt von mir ist, dass ich diese normalerweise von meinem Speiseplan ausschließe. Man will sich ja schließlich nicht grundlos einen Pilzisten nennen lassen!

Bodo gibt beim Essen Geräusche von sich, als würde er nicht wissen, ob er diese Brocken schlucken will oder nicht. Das gestaltet sich derart, dass er nach viel Kauen schluckt, gleichzeitig aber würgt und dadurch wohl den Brocken in der Speiseröhre in der Schwebe hält. Ob das der Perestaltik zuträglich ist oder nicht, wage ich nicht zu beurteilen.

Schließlich haben wir es beide, unter Zuhilfenahme einiger Biere und einiger Jägermeister, geschafft, das Essen in unsere Mägen zu befördern. Bodo und ich stecken uns eine Zigarette an, seufzen unisono und lassen uns etwas in den Sitzen zurücksinken. Zwischenzeitlich haben wir auch herausgefunden, dass der Tisch nicht so schlimm klebt, zumindest nicht, sofern man nicht gerade die Hände länger als wenige Millisekunden darauf ruhen lässt.

Ob

 

Die sexy Kellnerin bringt uns beiden ein weiteres Bier, wofür wir sie mit einem lauten Rülpsen und einem beidseitigen Klaps auf ihren wohlgeformten Hintern belohnen. Weshalb sie uns darauf einen säuerlichen Blick zuwirft, können wir uns beide nicht erklären.

„Sach mal… warum sind wir noch gleich nach Köln gefahren?“

„Na wegen Eva.“

„Achso. Eva.“

Wir schweigen wieder kurz.

„Und, gefunden haben wir sie aber irgendwie nicht, wa?“

„Ne.“

„Bist du dir eigentlich sicher, dass sie hier ist?“

„Na sie war doch im Fernsehen!“

„Irgendeine Rothaarige war im Fernsehen, da stand nirgendwo ein Namensschild mit ‚Eva‘ dran!“

„Aber der Hintern!“

„Den hat man doch gar nicht gesehen!“

„Klar, das verstehst du aber erst, wenn du ein holistisches Weltbild hast, mein Freund. Du mit deinem FDP-Weltbild, von wegen was kann die Welt für mich tun und man muss jedes Teil für sich betrachten und so… dass du das nicht verstehst, ist mir klar!“

„Holistisch! Du hast zuviel Douglas Adams gelesen!“

„Ne, alles hängt mit allem zusammen, das sieht man an der Klimaerwärmung. Und natürlich an der Frontansicht von Eva. Wenn du holistisch denkst, weißt du, dass der Hintern, den ich kenne, die logische Fortsetzung der Front ist, die im Fernsehen war. Also wegen der Gesichtsform und der Kurven und so.“

„Kurvendiskussion war noch nie meine Stärke. Also ich nehme mal an, dass deine Theorie dann sagt, dass ein mandelförmiges Gesicht einen walnussförmigen Hintern bedingt?“

„So oder so ähnlich ist es. Wir können natürlich als wissenschaftlich vorgebildete Menschen keine absolute Aussage treffen, solange die Möglichkeit existiert, dass ein Gegenbeweis gefunden wird. Doch bisher spricht die Beweislage dafür.“

„Hmmm mh.“

„Mmhm!“

„Und dass du irgendwie verrückt sein könntest, wie ist denn die Beweislage hierzu?“

„Nun, hierzu ist die Beweislage nicht eindeutig. Mein Verhalten ist erratisch, meine Aussagen klingen verworren, das Gedankengut, das ich von mir gebe, ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar. Aber, und dies ist das entscheidende aber, ich bin nicht in einer Anstalt. Augenscheinlich halte ich alles noch soweit auf Kurs, dass ich für das Gros der Menschen um mich herum nicht verrückt zu sein scheine.“

„Was aber daran liegen könnte, dass sich das Gros nicht mit dir auseinandersetzen muss und es darum nicht auffällt, dass du verrückt bist.“

„Das ist ein berechtigter Einwand, den ich jedoch aufgrund meiner persönlichen Selbstbestimmtheit und Souveränität zu ignorieren beschließe.“

„Und aus der Innenperspektive gesehen… ist die Sache mit Eva denn normales, menschliches Verhalten?“

„Ja.“

Bodo schaut mich leicht verzweifelt an, beschließt dann jedoch scheinbar, dazu nichts mehr sagen zu wollen. „Lass mich uns in ein Hotel verfrachten. Vielleicht sehen wir deine Eva ja morgen plötzlich doch noch,“ sagt er und ich wundere mich über seine unerwartete Kooperationsbereitschaft.

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