Sequenz 16 – Abschied von einer Möglichkeit

Am Tag darauf verlassen Bodo und ich nach einem ausgiebigen Frühstück das Hilton. Eigentlich wollte Bodo mit dem Flugzeug zurück, doch ich bestehe auf der Zugfahrt. Meine Argumente, dass er dann ja auch gleich ein oder zwei Menschen mit einem Messer aufschlitzen könne, würde er mit dem Flugzeug fliegen, lassen ihn kalt.

Was das Flugzeug angeht, so sehe ich ja ein, dass ich für Bodo ein schlimmer Extremist sein muss. Was er nicht weiß – ich aber schon – ist, dass ich mir durchgeschaut habe, wie schlecht denn wirklich diese komischen Abgase sind und wie viel davon so ein Flugzeug raus haut und es mir deswegen ein Gräuel geworden ist, dieses Beförderungsmittel mit meinem Geld zu unterstützen. Wie könnte er auch? Bodo ist der Meinung, dass kalte Winter die Theorie von der globalen Erwärmung widerlegen. Und dass, wenn er es nicht tut, es ja die anderen tun. Wie mit den Atomkraftwerken: Wenn wir es nicht tun, dann machen es die Nachbarn und da sterben wir doch lieber an unseren eigenen, natürlich absolut sicheren, AKWs.

Selbst wenn ich ihm all die Gründe darlege, warum ich es für wichtiger halte, mit meinem eigenen kleinen Beispiel voran zu gehen, als zu tun was alle tun, hält er mich für verrückt. Und man muss ihm lassen – er hat viele Gründe, mich für „geistig herausgefordert“ zu halten.

Während der Zug den Bahnhof verlässt und wir schweigend in unserem Abteil sitzen, denke ich darüber nach, was ich alles zurück lasse. Zugegeben: Die Wahrscheinlichkeit, dass Eva in dieser Stadt war oder ist und dass ich sie auch noch finde ist sehr gering. Trotzdem habe ich wieder jenes Gefühl im Bauch, was mich letztlich auch immer wieder dazu bringt, Lotto zu spielen: Das Gefühl, gänzlich auf eine Chance zu verzichten, die zwar bei Teilnahme astronomisch niedrig, aber zumindest vorhanden gewesen wäre.

Ich sehe es hinter mir zurück fallen: Das Leben, in welchem ich aus meinem bisherigen ausgebrochen bin und ein ganz neues angefangen habe. In welchem ich nach Köln gezogen bin, eine Karriere als Lottomillionär begonnen habe und Eva heiratete.

„Hier, du,“ unterbricht Bodo meine Gedanken, „ich habe mal nebenbei meine zwei Göttergattinnen angerufen und für dich ein Date klar gemacht! Sobald wir daheim sind, werden die auch auf der Matte stehen.“

„Woa! Wie, ähm, äh,“ antworte ich eloquent.

„Genau so. Ich hoffe du hast was ordentliches im Kleiderschrank.“

Ich bin so baff, dass ich nur nicken kann.

Und so fahren wir gemeinsam weiter, schweigend, einer unerwartet ungewissen Zukunft entgegen. Ein Lächeln umspielt Bodos Lippen. Ich versuche, darin etwas verschlagenes zu entdecken, bin mir aber nicht sicher, ob es mir gelingt.

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