Sequenz 19 – Die Schlange im Paradis

Ich schaue auf die Uhr. 12:30. Mir dreht sich der Magen wieder um. Noch 4 Stunden und 30 Minuten. Und ich habe immer noch keine Idee, wo „L’Escargot“ sein könnte.

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Während ich auf meinem Bürostuhl einige Runden durch mein Büro drehe und mich dabei elend und krank fühle – ich sehe auch ganz bleich und übermüdet aus, habe ich im Bad unter dem Neonlicht festgestellt, als ich vor einer Weile Kaffee wegbringen war – frage ich mich, ob diese Frau mich vielleicht schon wieder ausgetrickst haben könnte. Hatte sie gestern am Telefon den Braten bereits gerochen, als ich das L’Escargot vorschlug und auf diesen meinen Bluff hin einfach den Einsatz erhöht?
Würde ich um halb fünf die Hosen herunter lassen müssen, um zuzugeben, dass ich ein Zweierpärchen hatte, während sie mit einem Herz-Royal Flush da stand? Alle Zeichen deuten darauf hin. Ich bekomme spontan einen nervösen Schluckauf. Dann schnappe ich mir meine Kaffeetasse und laufe zum Automaten, in Schweiß gebadet, bleich und zittrig.
Kein Wunder, dass ich in all der Zeit nichts hatte als eine Obsession. Keine zufälligen Damenkontakte, keine heißen Affären, keine… nun nichts außer meiner Fantasie, um es kurz zu fassen. Was nicht verwundert, wenn ich mich von außen betrachte und sehe, wie ich auseinander zu fallen drohe. Dabei habe ich keinen Grund, so nervös zu sein. Zumindest objektiv betrachtet nicht. Wir hatten uns gut unterhalten bisher und es schien bisher immer, als sei Sandine eine intelligente und humorvolle Frau.
Doch vielleicht macht gerade das mir Angst: Dass ich fürchte ihr nichts bieten zu können, was sie fesselt. Dass sie mit ihren schlauen, grauen Augen direkt durch mich hindurch sehen kann und sieht, dass sich nichts in mir befindet außer heißer Luft und idealistischen Wunschvorstellungen.
Mit zitternden Fingern rühre ich den Kaffee in meiner Hand herum und lasse mich wie einen nassen Sack in den Bürostuhl fallen. Dabei schaffe ich es natürlich, mir heißen Kaffee in den Schritt zu schütten und springe kreischend wieder auf.
Ich schiebe die Tasse auf den Schreibtisch und hüpfe durch mein Büro, beide Hände um meine Männlichkeit gekrallt, die sich vermutlich gerade in eine Bratwurst verwandelt hat. Soviel zur Hoffnung, mit Sandine in der Kiste zu landen. Vermutlich würde ich zu wund sein um überhaupt Kleidung zu tragen, sagt es in meinem Hinterkopf. Eine weitere Stimme sagt mir, dass das bestimmt Sandine gefallen würde.
Während ich noch überlege, was ich mit der ruinierten Hose machen soll, mischt sich eine dritte Stimme ein die mir erklärt, dass sich Sandine sicher nicht darüber freuen würde, käme ich unten ohne. Die Stimme fügt hinzu, dass das daran läge, dass Sandine im Gegensatz zu mir Anstand habe und sich nicht von ihren niederen Trieben leiten lasse.
Verdammte Stimmen. Ich hole auf der Toilette schnell ein Glas Wasser, hänge dann ein Schild an meine Bürotür mit der Aufschrift „bitte nicht stören“ und ziehe die Hose aus. Dann schütte ich das Wasserglas auf den Kaffeefleck im Schritt, reibe ein wenig darauf herum und hänge die Hose dann über meinen Schreibtisch, damit sie in den nächsten drei Stunden wieder trocknen kann. Hoffentlich kommt heute niemand aus der Chefetage zu Besuch.
Nachdem ich mit meinem Bürostuhl wieder hinter meinen Schreibtisch gerollt bin, besteht Google auf Anfrage darauf, dass es kein L’Escargot in der Stadt gibt. Verdammt, verdammt, verdammt.
Ich würde wohl Sandine anrufen müssen um ihr mitzuteilen, dass wir uns im… ja wo eigentlich? Wo sollen wir uns treffen, wenn es das Restaurant, das ich mir ausgedacht habe nicht gibt? Ich könnte einfach zugeben, dass ich Sandine beeindrucken wollte und sie fragen, wo sie sich gerne treffen würde. Damit würde ich nicht nur zeigen, dass ich ihre Interessen in den Vordergrund stelle, sondern auch, dass ich eigentlich ein ehrlicher Kerl bin, der nur versucht hat, sie auf eine leicht unehrliche Art zu beeindrucken.
Als Frau würde sie bestimmt etwas finden, um mir das positiv auszulegen. Oder den Strick zu drehen. Ich seufze.
Auf Google Maps suche ich „in der Nähe“ meines Standortes nach „Restaurants“ und finde eines, dass „Paradis“ heißt. Aufgrund der Schreibweise bin ich mir sicher, dass es entweder das Restaurant eines Legasthenikers ist oder das eines Franzosen. Möglicherweise auch eines legasthenischen Franzosen. Ich beschließe, das Paradis zu nehmen und einzuflechten, dass es früher ja noch L’Escargot hieß.

Mit ein wenig Glück lässt Sandine mir das durchgehen und weist mich nicht darauf hin, dass das Restaurant erst vor einem Jahr eröffnet wurde und vorher eine Dönerbude war. Ich wähle Sandines Nummer und nach dem fünften Klingeln bekomme ich die Mailbox: „Bitte sprechen Sie nach dem Piepton.“
„Hallo Sandine, ich bin es. Ich wollte nur kurz Bescheid sagen, dass L’Escargot nicht mehr existiert. Das ist natürlich sehr schade, aber vielleicht können wir ja in das Paradis, das ist praktisch deren Nachfolger und in der letzten Restaurantkritik hieß es, dort gäbe es formidables Essen. Also um Fünf am Paradis?“
Einige Minuten später ruft es mich zurück: „Hey du. Ich bin mir recht sicher, dass es im Paradis höchstens formidables Formfleisch gibt. Aber ich gehe gern mit dir dahin, zumindest wenn du mir versprichst, dass ich uns beim nächsten Mal etwas ordentliches aussuchen darf. Oder wir direkt bei mir essen.“
„Das klingt gut,“ stimme ich zu, viel zu verwirrt, dass sie bereits von einem nächsten Mal spricht, scheinbar ganz ohne über die Möglichkeit nachzudenken, dass ich mich als vollkommener Idiot entpuppen könnte. Da versteh einer die Frauen!
„Gut, dann bis später, Herr Versicherungsmogul!“
Und schon klickt es in der Leitung und ich bin wieder alleine in meinem Büro. Ich spitze ein wenig die spitzen Bleistifte an und sinniere vor mich hin. Könnte es sein, dass Sandine meine Eva ist? Und was bedeutet das für mich? Heißt das, dass ich auf der Suche nach einem Phantom war und mich vorher in etwas verrannt habe? Oder dass, wenn ich mich darauf einlasse, mehr Frauen meine Traumfrau sein könnten, als mir vorher klar war? Und haben diese Überlegungen einen Einfluss darauf ob und wo es eine Seelenverwandte für mich gibt?
Bin ich vielleicht ein Opfer des Hollywood Bildes von Liebe, mit dem ich aufgewachsen bin? Immerhin munkelt man ja auch, dass Menschen in arrangierten Ehen durchaus glücklich mit ihren Partnern sein können. Und die Wahrscheinlichkeit, dass bei deren Auswahlkritierien häufig Seelenverwandte dabei sind halte ich doch eher für gering.
Vielleicht sollte ich eine Versicherung gegen alleine sterben erfinden, denke ich kurz.
Mit solchen und ähnlichen Gedanken schlage ich die Zeit tot, bis es 16:30 ist. Dann schrecke ich aus meinen Tagträumen auf und schaue mich ängstlich um. Ist das noch mein Büro? Wird die Welt auch nach diesem Date weiter existieren?
Ich springe in meine Hose und bemerke dabei, dass einen Kaffeefleck mit Wasser auszuwaschen nicht immer so funktioniert, wie man sich das wünscht. Meine hellgraue Hose ist im Schritt dunkelgrau und es wirkt etwas, als habe ich mir kürzlich in die Hose gepinkelt. Soviel zum Selbstvertrauen.

 

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