Sequenz 20 – Im Paradis

Sandine erscheint um 17:05 am Paradis. Ich habe mir schon ein wenig die Beine in den Bauch gestanden, erwähne aber nichts davon. Dafür ist sie so freundlich, den Fleck auf meiner Hose zu bemerken und zu fragen: „Na, hast du Kaffee verschüttet oder hast du dich nur sehr gefreut mich zu sehen?“
Ich murmle „Kaffee“ und während ich mich noch frage, wie sie das so genau einschätzen konnte, ärgere ich mich gleichzeitig über ihre fast schon bösartige Schlagfertigkeit. Und meine Unfähigkeit, mir innerhalb von zwei Sekunden ein gutes Comeback einfallen zu lassen.
Ich hätte sagen sollen: „Gilt es als Kombination aus beidem, wenn der Fleck von einer Latte stammt?“ Als mir das einfällt, schiebe ich es noch schnell hinterher, und es scheint sogar gut anzukommen, denn Sandine schmunzelt.

Wir suchen uns einen Tisch in einer der Ecken des Restaurants, etwas im Halbdunkel – denn es gibt sie noch, die Restaurants, die sich ein wenig Halbdunkel leisten – und deshalb gleich doppelt so romantisch. Als ich mich setze, bemerke ich, dass doppelt so romantisch wohl auch halb so sauber heißt, wische die Krümel schnell vom Tisch, bevor Sandine sie bemerken kann.

„Nett von dir, dass du für mich sauber machst. Ich hätte da noch eine dreckige Wohnung..“ merkt sie an.

„Wenn ich für jedes Mal, wenn ich eine dreckige Wohnung zum putzen angeboten bekomme, einen Euro bekäme, ich wäre bereits reich!“

„Das sagt gleichermaßen viel über dich und deine Freunde aus. Erzähl mir mehr solche Geschichten und ich sage dir in dreißig Minuten alles weitere über dich.“

„Das kannst du?“ frage ich.

„Natürlich. Es sagt mir zum Beispiel, dass du Freunde hast, die das Säubern ihrer Wohnung gerne dich machen lassen würden. Entweder weil sie faul sind, oder weil du besonders gut putzt. Vermutlich liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte.“

Sie schlägt dabei die Speisekarte auf und schaut, was der Laden so im Angebot hat. Ich wiederum studiere ihr Gesicht, die zarten Lachfältchen um ihre Augen, die Stupsnase, ihre langen Wimpern.

„Wenn du mit dem Anstarren fertig bist, dann schau doch auch in die Karte, der Kellner würde glaube ich gerne wissen, was wir bestellen möchten, wenn er vorbei kommt“, lässt mich Sandine wissen.

„Das heißt… ich kann noch zwei Minuten weiter starren? Oder hat er schon Anstalten gemacht, herüber zu kommen?“

Sandine schlägt als Antwort mit der Karte nach mir und ich beschließe, dass sie sich wohl genug angeglotzt fühlt. Ich merke jedoch auch, dass eine leichte Röte auf ihren Wangen liegt, entweder durch die körperliche Belastung mit der Karte nach mir zu schlagen, oder, weil sie sich geschmeichelt fühlt. Möglicherweise ist ihr aber auch peinlich, dass ich sie derart offensiv anstarre.

„Wenn ich zustimme zu putzen, nimmst du mich dann jetzt sofort mit in deine Wohnung?“ frage ich und bin selbst überrascht, noch während ich es sage.

„Okay“, antwortet sie und steht auf.

 

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