Sequenz 21 – Im Paradies

Als wir in die Wohnung kamen, fackelten wir nicht lange und vertrieben uns den Abend auf sehr angenehme Weise. So angenehm, dass ich darüber glatt vergaß, Hunger zu bekommen.

Ein Schmunzeln liegt um meinen Mund herum, schmiegt sich an meine Lippen an und kuschelt mit dem Gefühl von Geborgenheit und innerem Frieden, das mein Herz umspielt wie der kühle Wind meinen nackten Körper, während ich auf dem Balkon stehe und in die Nacht schaue, in Gedanken noch nicht in der Gegenwart angekommen. Eigentlich wäre es wohl mein Part gewesen, doch es ist Sandine, die im Bett liegt und so friedlich schläft wie es nur Kinder und gerüchteweise auch Engel können. Und ich stehe hellwach auf dem Balkon, seufze und betrachte die Nacht.
Sie liegt um die Gebäude wie eine Katze um den warmen Ofen, während sie selbst von zarten Wolken bedeckt wird wie der Golf von Mexiko von einem Ölfilm. Während Sandine still schläft und sich in die Kissen schmiegt, reibt die Nacht sich schnurrend an Wänden, wie eine unruhig schlafende Katze, die vom Jagen träumt. Bereit zum Sprung.

Als ich dort stehe überlege ich, ob ich jetzt angekommen bin und wenn ja, wo. Ein Teil von mir ist der Meinung, dass ich es jetzt geschafft habe, die perfekte Frau zu finden und mein Leben richtig beginnen zu lassen. Die ganze Zeit hatte ich davon geträumt meine Traumfrau zu finden, mit der ich in unser Traumhaus ziehen würde und unsere Traumkinder großziehen. Ein einfacher, fast schon gutbürgerlicher Traum. Sollte ich nun wirklich so einfach angekommen sein?

Sandine hat durchaus einige der Qualitäten, die ich mir immer erhofft habe. Sie ist unbestreitbar schlau, eine gute Beobachterin und auf eine erschreckende, der Wahrheit vielleicht einen Tick zu sehr verpflichtete, Art lustig und direkt. Doch eigentlich scheint sie der Wahrheit weniger verpflichtet als vielmehr vertraut. Sie scheint ein Teil ihres Wesens zu sein wie bei anderen ein vorlautes Mundwerk oder eine besondere Herzlichkeit.
Gleichzeitig ist ihr Äußeres nicht das, was ich mir immer erträumt habe. Sie ist meine Größe und hat sandfarbenes Haar. Vielleicht hat ihre Mutter ihr deswegen den Namen gegeben, jedenfalls rundet die Farbe das Gesamtbild ab. Ihre Augen sind von einem sanften, nichtsdestotrotz aber sehr intensiven Grün, wie die Blätter eines Efeu, der sich im Halbdunkel des Waldes an einem Baumstamm herauf hangelt. Besonders betont wird diese Farbe dadurch, dass sie aus ihrem hellen und ebenso hell umrahmten Gesicht heraus sticht wie ein Pudel bei einer Vollversammlung von „Kampfhunde gegen die Maulkorbpflicht e.V.“. All jene kleinen Fältchen, die sich mit den Jahren auf ihrem Gesicht niedergelassen haben, sind Lachfalten. Leichte Linien in den Augenwinkeln, kleine Vertiefungen um ihren lachenden Mund. Immer wenn sie mich mit ihren grünen Augen mustert, laufen mir wohlige Schauer über den Rücken, als würde sie in mich hinein blicken und ihr gefiele dabei, was sie vorfindet.
Sie ist schlank, doch nicht mager, gepflegt, ohne zurecht gemacht zu wirken und versteht es, ihre natürliche Schönheit zu betonen, so dass es wirkt, als habe sie sich dafür keinerlei Mühe geben müssen. Sogar nackt hat sie nichts zu verbergen, wie mir vor einigen Minuten noch deutlich vor Augen geführt wurde. Keine auffälligen Narben oder hässlichen Muttermale. Das einzige, was sie von einer idealen Frau unterscheidet, ist dass sie nicht in einem Hochglanzmagazin abgebildet ist.

Wenn ich nun angekommen sein sollte. War es das dann? Ich fühle mich nicht ganz sicher auf dem Balkon, wie noch Sekunden zuvor. Bisher hatte ich mein Leben darauf ausgerichtet, irgendwo ein paar Euro zu verdienen und meine Traumfrau zu finden, doch wenn Sandine nun diese Frau sein sollte, was dann? Ich gehe wieder vom Balkon, lasse jedoch die Tür geöffnet, um etwas frische Nachtluft in die Wohnung zu bekommen.
Sandine wohnt sehr schön hier: viele Pflanzen, die Wände sind mit Zeichnungen dekoriert. Während ich mich im Wohnzimmer umsehe, fällt mir auf, dass sie scheinbar nicht besonders ordnungsliebend ist, was mich jedoch nicht weiter stört. Überall liegen Klamotten auf den Möbeln, einige Tassen stehen auf Schränken, Tischen und der Couch.
Wie ich mich so umschaue, freue ich mich über die Unordnung. Es sieht nicht chaotisch aus, vermittelt aber einen Eindruck von Gemütlichkeit. Eine Wohnung, in der man sich wohlfühlen kann, ohne Angst zu haben, dass die Gläser unschöne Ränder auf dem Glastisch hinterlassen oder die Schuhe den frisch geputzten Boden verdrecken. Gleichzeitig ist es nicht dreckig oder riecht komisch, so dass ich nicht befürchten muss, den Tisch oder Boden klebrig vorzufinden. Ich fühle mich erleichtert. Nachdem ich einen Blick in das Schlafzimmer geworfen habe, um sicherzugehen, dass Sandine noch schläft, mache ich mich auf den Weg, die Küche zu erkunden.
Auch hier setzt sich der Eindruck fort, den ich bereits von Wohn- und Schlafzimmer bekommen habe: bewohnt und nicht klinisch sauber. Ein wenig Geschirr stapelt sich zwischen Kaffeemaschine und Spüle, welche im Gegensatz zum Rest der Wohnung plötzlich doch klinisch sauber wirkt, mit leuchtenden Armaturen. Ein Blick in den Kühlschrank verrät mir, dass morgen dringend jemand einkaufen sollte, denn dort fürchten sich nur ein Joghurt, eine Packung Milch und eine halbe Butter vor dem drohenden Morgen.

Eine gute Gelegenheit zusammen frühstücken zu gehen, denke ich mir.

Nachdem ich noch einen kurzen Ausflug zum Bad unternommen habe, welches bemerkenswert sauber ist und einen Hauch von Chlor verströmt, gehe ich wieder ins Schlafzimmer, schließe vorher noch die Balkontür. Ich krabble vorsichtig unter die Bettdecke und rutsche etwas an Sandine heran, um mich zu wärmen.

„Und, hast du dir alles angeschaut?“, fragt sie mich von jenseits der Schulterblätter, in deren Schatten ich liege, und ich denke: „Sie ist der Teufel.“

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