Sequenz 23 – Verwirrungen

Ich sitze daheim auf meiner Couch und veranstalte einen einsamen Männerabend mit mir selbst und meinem Freund Schwarzbier. Bodo wurde zwischenzeitlich begnadigt und durfte wieder zu seinen beiden Göttergattinnen in die heimische Residenz zurückkehren. Seinen Erzählungen zufolge wurde aus seinem, mit knappem Büßergewand durchgeführten, Gang nach Canossa im Laufe des Abends zu einem Rollenspiel, an dessen detailreiche Schilderung ich mich gar nicht so genau erinnern möchte. Ob aus Neid oder aus meiner eigenen konservativen Einstellung heraus, weiß ich nicht zu beurteilen.

Ich gestehe mir selbst an dieser Stelle ein, dass ich möglicherweise ein wenig prüde bin, was die Ausschweifungen angeht, die dieser Planet zu bieten hat. Meiner Ansicht nach ist das Thema so omnipräsent, dass es gänzlich seinen Reiz verloren hat. Glücklicherweise nicht, was Sandine angeht, doch wurde sie auch nicht irgendwo breitgetreten und hat auch noch den Reiz des Unbekannten und weitgehend Unerforschten. Wie wird es wohl sein, wenn dieser Reiz verflogen ist? Wird er abgelöst durch einen anderen? Oder werden wir – wie der Rest dieses Planeten scheinbar – dazu verdammt sein, immer neue Wege zu suchen, um Abwechslung und künstlichen Reiz in unsere Beziehung zu bringen? Dem verzweifelten Versuch hinterher jagend, immer wieder jene ersten Momente miteinander zu erleben?

Im Fernseher läuft passend dazu ein Beitrag darüber, warum unsere Welt in spätestens 10 Jahren untergegangen sein wird und dass wir uns unaufhaltsam auf den Abgrund der Klimakatastrophe zu bewegen. Vielleicht muss ich mir darüber gar keine Gedanken machen, wie wir unsere Beziehung auch in Jahren noch interessant und frisch halten können. Es klingelt an der Tür, was mich aus meinen Gedanken reißt und vor Überraschung verschlucke ich mich fast. Wer wagt es?

Ich öffne die Tür, gespannt wie der Bolzen einer Pistole. Eine rothaarige Frau steht davor. „Eva?“, hauche ich.

„Fast hatte ich verdrängt, wie merkwürdig du sein kannst. Vielleicht hätte ich doch jemand anderen besuchen sollen. Amelie, falls dir mein Name hilft, dich an etwas anderes als meine fraulichen Qualitäten zu erinnern“, antwortet sie mir.

„Hä?“, bringe ich heraus.

„Möchtest du mich nicht hereinbitten?“, fragt sie und mir fällt auf, dass ihre Schminke eine Spur von den Augenwinkeln herab gezeichnet hat.

„Natürlich, komm rein. Ist alles in Ordnung? Ich meine, also, was ist denn nicht in Ordnung? Und damit meine ich komm rein, setz‘ dich erst mal, kann ich dir etwas bringen?“

„Schnaps? Zur Not nehme ich auch Bier, ich sehe du hast schwarzes da.“

Ich stelle ihr ein Bierglas auf den Couchtisch und gieße vorsichtig eine Flasche ein. Währenddessen setzt Amelie sich auf die Couch, die Schultern herabhängend und mit einem leichten Schniefen. Ich lege aufmerksam eine Packung Taschentücher neben das Bierglas und setze mich ihr zugewandt neben sie auf die Couch.

„Womit kann ich dir dienen?“, frage ich sie, denn – seien wir mal ehrlich – was soll ich auch sonst tun?

Sie schaut mich von unten herauf an, während sie einen großen Schluck aus dem Bierglas nimmt. Dann stellt sie es wieder auf dem Couchtisch ab, räuspert sich, wendet sich mir zu und sagt: „Ich wusste nicht, wohin.“

„Keine Sorge, meine Couch ist frei, wenn du sie brauchen solltest. Ich bin allerdings etwas überrascht, dass ausgerechnet ich dir einfalle, wenn du nicht genau weißt, wo du hin sollst.“

„Seit ich in dieser Beziehung bin sind meine Sozialkontakte etwas geschrumpft. Nicht alle kommen damit klar, weißt du? Und du hast einen netten Eindruck gemacht, letztens beim Essen“, sagt sie, als sei das Erklärung genug.

Ich lehne mich ein wenig zurück, wobei mir eines dieser blöden Kissen unangenehm in den Rücken drückt. „Wir könnten fernsehen. Oder reden. Oder trinken. Wie du magst, mi casa es su casa“, antworte ich ihr und hoffe, dass es in etwa das ist, was sie von mir erwartet. In mich hinein horchend muss ich zu diesem Zeitpunkt leider feststellen, dass ich keine Ahnung habe, was die richtige Antwort wäre. Ja ich weiß nicht einmal, wie man überhaupt in einer solchen Situation reagieren sollte und was von mir erwartet werden könnte.

„Trinken. Und vielleicht ein wenig reden“, sagt sie und bringt eine Art schiefes Grinsen zustande.

Im Verlauf der nächsten Stunden lerne ich schnell, dass „ein wenig reden“ in der Welt von Amelie wohl gleichbedeutend mit einem Wortmonsun ist. Wie dichter Regen aus dicken, schweren Tropfen prasseln ihre Worte auf mich hinab. Sie erzählt mir, dass sie aus der gemeinsamen Wohnung geflüchtet sei, da sie sich fehl am Platz fühle. Bodo und Anna waren wohl schon den zweiten Tag in Folge mehr mit einander als mit ihr beschäftigt und das besondere Gefüge, das die Drei bisher verband, drohte sich aufzulösen. Dadurch, dass zuvor die Liebe im Kreis floss, also von Bodo zu Anna, von Anna zu Amelie und von Amelie zu Bodo, war ein Gleichgewicht der Kräfte gewahrt und eine gewisse Stabilität gegeben gewesen. Doch wenn nun Anna plötzlich feststellen sollte, dass sie sich mit der Zeit in Bodo verliebt hatte, dann wäre Amelie das dritte Rad am Wagen.

In der Hoffnung, den beiden bewusst zu machen, welch schmerzhafte Lücke ohne sie entstand, floh Amelie also aus dem Liebesnest zu mir. Praktischerweise erzählt sie mir inmitten des Wortmonsuns, wie aus ihrer Sicht die Dreierkonstellation zustande kam.

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