Sequenz 23 – Verwirrungen

Sie kannte Anna flüchtig von der Arbeit, beide arbeiten beim selben Unternehmen. Schon eine Weile war ihr aufgefallen, dass Anna wohl Interesse daran hatte, sie kennen zu lernen und da Amelie zu diesem Zeitpunkt auf der Arbeit kaum jemanden kannte, war auch sie einer Freundschaft nicht abgeneigt.

Im Laufe ihrer Unterhaltungen, die sich immer wieder in Pausen oder bei Begegnungen auf dem Gang ergaben, erzählte sie Anna, dass sie es hasst, alleine zu sein und wie sehr sie sich eine Beziehung wünschte. Daraufhin erzählte Anna ihr von diesem gut aussehenden, netten Kerl, den sie ihr unbedingt vorstellen müsse.

Anna war so nett, ein Blind Date zu arrangieren – und bot sogar an, mitzukommen. Nur für den Fall, dass der Mann ihr nicht gefiel und sie eine Ausrede brauchte, um das Date zu verlassen. Offenbar war es eine gute Idee gewesen, Anna die Chance zu geben, ihre Freundin zu werden. Amelie hatte früher schlechte Erfahrungen mit besten Freundinnen gemacht und war zu Beginn entsprechend misstrauisch Anna gegenüber. Doch offensichtlich war sie nicht wie Amelies ehemals beste Freundin, die immer ihre eigenen Pläne im Hinterkopf hatte. Anna war offenbar jemand ehrliches, dem man vertrauen konnte. Und sie schickte ihre Freundinnen nicht einfach allein auf unbekanntes Terrain, was natürlich auch gut war.

Amelie hätte sich sehr gefreut, wäre es ein traditionelles Blind Date gewesen, im Restaurant bei entspannter Atmosphäre. Doch offenbar hatte Anna Bodo in eine Diskothek bestellt. Im Grunde genommen konnte man kaum von einer richtigen Diskothek sprechen, sondern eher einer Mischung aus Bar und Disko.

Auf der Tanzfläche war Amelie ziemlich enttäuscht davon, dass Bodo scheinbar mehr an Anna interessiert war, die sich jedoch – wie von einer guten Freundin zu erwarten – zu ihr drehte und damit Bodo im wahrsten Sinne die kalte Schulter zeigte. Amelie versuchte ihrerseits, da sie nicht gewillt war, sich ihr erstes Date seit langer Zeit durch die Lappen gehen zu lassen, Bodo etwas an zu tanzen, bekam aber aufgrund seiner Ausrichtung auf Anna auch nur Zugang zu seiner Schulter.

Dieser Zustand ging Amelie irgendwann derart auf die Nerven, dass sie sich in den Barbereich begab, wohin Anna und Bodo ihr folgten. Bei einem Cocktail saßen sie daraufhin zu dritt um ein kleines Tischchen herum und schwiegen sich ein wenig an. Belanglose Kommentare über die Musik, das Wetter und unverdientes Lob des gebotenen Ambientes lösten einander ab und so tranken die drei eine Weile vor sich hin, bis ihre Hemmschwellen rund um das Tischchen so weit gesunken waren, dass Bodo versuchte Anna zu küssen, Anna beim Versuch auszuweichen versehentlich ihre Lippen auf Amelies drückte und Amelie durch diesen Zusammenstoß wiederum gegen Bodo gedrückt wurde, so dass eine Art Herpes-Gedächtnisrunde entstand, welche Amelie gänzlich unangenehm war. Nervös und leicht abgestoßen von diesem verfrühten Körperkontakt – denn eigentlich ist Amelie eher schüchtern, versichert sie mir – wackelte sie mit den Füßen und versuchte, diese verschämt ineinander zu verknoten, bekam dabei jedoch sowohl Bodos als auch Annas Füße zwischen die ihren – sie hatte unterschätzt, wie wenig Platz unter dem Tischchen zum Strecken zur Verfügung stand.

Da saß sie also mit roten Backen, weil ihr das alles so peinlich war, während Anna sie mit ebenfalls geröteten Wangen anschmachtete und Bodo wiederum bei Annas Anblick ein Speichelfaden aus dem Mundwinkel rann. Amelie wollte nur noch nach Hause. Bei dem Versuch, das Lokal zu verlassen und sich in ihr Appartement davonzustehlen jedoch wichen ihr weder Bodo noch Anna von der Seite, letztere hakte sich sogar bei ihr unter und Amelie war sich gar nicht mehr so sicher, dass sie nur ihre beste Freundin sein wollte, denn das ganze Anhimmeln entging ihr keinesfalls. Hätten die vielen einsamen Nächte in ihrem Appartement Amelie nicht zu einer trinkfesten jungen Dame gemacht, wahrscheinlich hätte sich zwischenzeitlich der angenehme Mantel des Vergessens über diesen Abend gelegt. Doch zu viele Abende hatte ihr das Glas Rotwein die Gesellschaft ersetzt und ein paar kleine Cocktails konnten sie nicht aus der Bahn werfen.

Auf der Straße angekommen, lud Bodo sie in einem sehr durchschaubaren Versuch, Anna ins Bett zu bekommen, noch zu sich ein. Amelie war sich ziemlich sicher, nicht eingeladen worden zu sein, denn er hatte eindeutig „komm“ und nicht „kommt“ gesagt. Obgleich die undeutliche Aussprache den Begriff „Sicherheit“ zu diesem Zeitpunkt zu einem sehr relativen Begriff machte. Da Anna ihren Arm scheinbar ohnehin nicht loslassen wollte und vielleicht ein paar Gläser Rotwein doch noch den Mantel des Vergessens spenden würden, entschloss sie Amelie dem Anliegen nachzukommen und sich in die Wohnung des Löwen zu begeben.

Sie hatte jedoch unterschätzt, wie betrunken Anna und Bodo bereits waren und dass dies noch zu einigem Durcheinander führen würde. Tatsächlich öffnete Bodo in der Wohnung angekommen noch eine Flasche Rotwein und schaffte es sogar, unter nur minimalem Verschütten drei Gläser zu füllen. Amelie stürzte das ihre gierig hinunter, Bodo und Anna nippten vorsichtig und während die eine Amelie belauerte, wanderte die Hand des anderen Annas Bein entlang. Offenbar war damit ein Damm gebrochen und sie versuchte, sich auf Amelie zu stürzen, schätzte aber aufgrund ihres Alkoholkonsums die Entfernung zu kurz ein und machte Bekanntschaft mit dem Boden der Wohnung. An diesem Punkt machte sich Bodos weicher Langhaarteppich bezahlt, denn ohne ihn wäre der Abend sicher im Krankenhaus geendet.

Bodo war natürlich sofort zur Stelle, um nach der auf dem Boden liegenden Anna zu schauen und sie auf das Wasserbett im Schlafzimmer zu befördern. Nur falls sie sich etwas getan haben sollte, versteht sich. Amelie musste sich an dieser Stelle eingestehen, dass abgesehen davon, dass Bodo die Situation schamlos ausnutzte und seine Finger „zu diagnostischen Zwecken“ mehr als streng genommen notwendig wäre wandern ließ, beide ein ganz niedliches Bild abgaben. Zumindest wenn man ignorierte, dass es ganz offensichtlich eine widerwärtig wollüstige, wohl knapp an Vergewaltigung grenzende Szene war, die sich dort abspielte.

Als Amelie nach Anna sehen wollte, warf diese beide Arme um sie und klammerte sich wie eine Schiffbrüchige fest. Kurz diese Äffchenumklammerung lösend, öffnete sie ihr sogleich binnen eines Wimpernschlags mit zwei Fingern die Schnalle, die ihren BH geschlossen hielt. Amelie hatte kaum Zeit, darüber erschreckt und erstaunt zu sein, da waren Annas flinke Finger bereits an ihre Hose gegrabscht und dabei, mehr oder minder geschickt die Knöpfe zu öffnen. Nun doch erschreckt, sprang Amelie auf, wobei sie besagte Hose verlor und worauf sie nicht reagieren konnte, da Bodo nun ebenfalls vollends die Beherrschung zu verlieren schien und sich auf Anna stürzte. An dieser Stelle wurde es nun Amelie endgültig zu bunt und sie flüchtete, halb hoppelnd, mit der Hose um die Knöchel in das angrenzende Wohnzimmer, um sich ihre Tasche zu schnappen und zu gehen.

Doch während sie das versuchte, geschah etwas merkwürdiges in ihr, etwas, das sie nicht vorausgeahnt hatte: Sie wurde neugierig und hatte gleichzeitig das Gefühl, ihre zwei einzigen Freunde auf der Welt zurück zu lassen, wenn sie nun einfach ginge. Also kehrte sie langsamen Schrittes zurück ins Schlafzimmer, aus dem bis eben grunzende Geräusche gekommen waren, nun aber nichts mehr zu hören war.

Im Türrahmen stehend bot sich ihr ein merkwürdiges Bild: Auf dem Bett lagen, splitterfasernackt, Bodo und Anna nebeneinander, jeweils alle Viere von sich gestreckt. Anna lag am Rand des Bettes, das Gesicht der Wand zugewandt. Ihr Mund stand dabei halb offen, so dass sie im Schlaf ein überrascht-dümmliches Bild abgab. Halb auf ihrem linken Arm liegend war Bodo ausgebreitet, ebenfalls mit teils geöffnetem Mund und bereit Fliegen zu fangen. Er wirkte, die geschlossenen Augen gen Himmel gerichtet, wie frisch gekreuzigt.

Und hier setzte Amelies Neugierde ein. Was würden diese beiden wohl denken, wenn sie so morgen nebeneinander aufwachten? Sie würde es nie erfahren, wenn sie jetzt ginge, das war ihr klar. Es handelte sich ganz eindeutig um eine Situation, die an Peinlichkeit nur durch ein davon aufgezeichnetes YouTube-Video hätte überboten werden können.

Mit einer Mischung aus Neugierde und dem Bedürfnis, dazu zu gehören – egal wo – machte sich Amelie an die Durchführung ihres Planes. In schweißtreibender Arbeit zog und drehte sie an der nackten Anna herum, bis ihr rechter Arm auf Bodos Brusthaar ruhte und ihr linker wie in der stabilen Seitenlage unter ihrem Kinn. Zur Sicherheit, dachte Amelie. Man weiß ja nie. Dann legte sie Annas Beine züchtig übereinander, damit sie nicht mehr derart offenherzig in Richtung Tür starrte. Einer Eingebung folgend nutzte sie Annas rechtes Bein, um damit auch Bodo ein wenig zu bedecken.

Eine Decke wäre natürlich wesentlich besser geeignet gewesen und hätte Amelie auch ein paar ungewollt intime Berührungen erspart, doch war keine zu finden. Was für ein Bett eine bemerkenswerte Merkwürdigkeit darstellte. Glücklicherweise war es im Zimmer warm genug. Nun ging es an den unangenehmeren Teil des Plans und Amelie entledigte sich der eigenen Kleider, um sich daraufhin auf Bodos linker Seite hinzulegen und ihren linken Arm ebenso auf seinem Brusthaar zu platzieren. Glücklicherweise hatte sie ihn trotz allem ganz sympathisch und sogar etwas anziehend gefunden, sonst wäre dieser schöne Plan vermutlich gar nicht durchführbar gewesen. Doch so fühlte es sich erstaunlich richtig an. Sie stellte sich das Bild von oben vor und war zufrieden: Es war wie in einem der Filme, die feuchte Männerphantasien auf Zelluloid (oder vielmehr Platte) bannten. Der nächste Morgen würde für fast alle Beteiligten eine ziemliche Überraschung werden und Amelie grinste freudig, denn sie würde die Einzige sein, die genau wusste, was geschehen war. Das einsame Training hatte sich bezahlt gemacht.

Sie schlief in der Gewissheit ein, einen katastrophalen Abend in eine magische Erfahrung verwandelt und zwei Freunde gewonnen zu haben, die ein vermeintliches gemeinsames Erlebnis und Geheimnis mit ihr teilten. Doch nur sie würde wissen, was wirklich in jener Nacht passiert war.

Am nächsten Morgen versicherte sie auf Nachfrage, dass sie selbst sich nicht sicher sei, was eigentlich geschehen war, aber noch genau wisse, es sei unglaublich gewesen. Wie erwartet war die noch müde, im Erwachen begriffene Fantasie der beiden ihr gerne behilflich dabei, die Lücken so zu füllen, wie es ihrem jeweiligen Selbstbild und ihren Wünschen entsprach. Und so bekam in dieser Nacht jeder, was er sich erträumte. Jedenfalls in gewisser Weise. Amelie fand, dass es ein sehr geringer Preis war, um endlich Menschen zu finden, mit denen sie sich verbunden fühlen konnte. Anna war sich sicher, dass Amelie in der letzten Nacht ihre Zuneigung zu ihr entdeckt und natürlich ausgelebt hatte, und Bodo wusste, dass sich in dieser magischen Nacht gleich zwei Frauen unsterblich in ihn verliebt hatten.

Aus diesem verschrobenen und unglaublichen Anfang entwickelte sich nun im Verlauf der Monate eine Beziehung. Amelie und Anna zogen beide bei Bodo ein, dessen Wohnung sowieso ausreichend Platz bot, da er nie einen Sinn darin gesehen hatte, bescheiden zu sein. Amelie wuchsen sowohl Anna als auch Bodo ans Herz, letzterer auf ganz herkömmliche Weise, erstere auf ungewohnte, aber nicht unangenehme Art. Als eigentlich graues Mäuschen, dass in einem sehr konservativen Umfeld groß geworden war, war es für Amelie nicht nur sehr ungewohnt, in dieser Art von Beziehung zu leben, es sorgte leider auch dafür, dass ihre Familie und die wenigen Freunde die sie hatte, sich mehr und mehr von ihr distanzierten. Was dazu führte, dass sie nun, wo sie nicht wusste wohin, bei mir landete.

Womit wir wieder in der Gegenwart sind, in der Amelie mich anschaut, als wartet sie darauf, dass ich ein Urteil oder einen Kommentar dazu abgebe, doch ich bringe es nicht über mich, diese wundervolle Geschichte durch einen Kommentar zu entstellen oder herabzuwürdigen.

Deshalb frage ich sie nur, wie lange sie gerne bei mir bleiben möchte und rate ihr, die Hoffnung nicht aufzugeben – denn alles würde schon wieder gut werden. Schließlich zeigen uns Film, Fernsehen und der Buchmarkt immer wieder, dass alles gut endet, wenn man sich nur Mühe gibt.

 

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