Sequenz 24 – Katarakt

Amelie und ich unterhalten uns den Abend über angeregt weiter. Nimmt man es mit der Wahrheit genau, wie Sandine es tun würde, muss man erwähnen, dass Amelie sehr angeregt redet, während ich sehr angeregt trinke.

Was nicht heißen soll, dass ich ihr nicht zuhöre, denn im Großen und Ganzen ist das, was sie erzählt, auch interessant. Ich erfahre von ihrer behüteten, aber auch belastenden Kindheit und gewinne den Eindruck, dass sie mir gegenüber ehrlich war, als sie von ihrem Mangel an Freunden erzählte. Nebenbei zerstreut sie meine Überzeugung, dass sie auch Anna gegenüber romantische Gefühle hat, was ich als Grundvoraussetzung für die Beziehung der Drei angenommen hatte. Ihrem „haarigen Bärchen“, wie sie Bodo bezeichnet, bringt sie allerdings durchaus ehrliche und tiefe Gefühle entgegen, auch wenn sie weiß, dass er für sie nicht ganz so tief empfindet, informiert sie mich. Bei dem Versuch, mit diesen weiteren Fakten die Beziehungskonstellation Anna, Amelie und Bodo zu verstehen, verwirre ich mich selbst und kann deshalb auch ihren Ausführungen nicht so gut folgen, wie sie sich das von mir wünscht. Ich bemerke dies an einem ärgerlichen Runzeln ihrer Stirn, sobald ich abgelenkt wirke.

Nach dem dritten Stirnrunzeln schlägt sie vor, den Weinbrand von meinem rollenden Tabletttisch zu öffnen und uns noch etwas intensiver zu betrinken. Ich sehe mich als Gentleman außer Stande, ihren Wunsch abzuschlagen, schließlich ist es meine Rolle in dieser Situation möglichst zuvorkommend und unterstützend zu sein, habe ich beschlossen. Denn der Gentleman rettet schließlich die Dame in Nöten. Mein Hinterkopf fragt mich an dieser Stelle nüchtern und sachlich, ob dies wirklich meine Aufgabe ist, oder ich hier nur einem Klischee folge, das ich irgendwo aufgeschnappt habe. Bevor ich den Gedanken jedoch verfolgen kann, wird die rationale Hinterkopfstimme von einem Chor kreischender Vorderkopfstimmen übertönt, die zotige Lieder von Piraten, Whisky und unzüchtigen Damen einstreuen. Zwischen all diesen Stimmen säuselt die von Amelie in einem melodiösen Singsang unverständliche Geschichten an die Stelle zwischen grinsendem Mundwinkel und Ohrläppchen.

Warme Wellen alkoholschwangerer Luft treffen auf meine Wange und streichen über mein Gesicht, während mir der Fahrtwind des Karussells die Haare zerzaust und das Licht in Schlieren um mich tanzt. Die nüchterne Hinterkopfstimme meldet sich noch kurz zu Wort: „Das war einer zuviel, mein Freund. Ich bin raus.“

Ich grinse affirmativ-abwesend und lasse mich in Singsang, warmer Brise und Wellengang treiben.

Es ist Nacht, als ich zu mir komme, und in meinem Kopf dreht sich die Welt auf bekannte, abstoßende Weise. Zusätzlich droht mein Schädel in einer spektakulären Blutexplosion die weißen Wände meiner Wohnung zu verunstalten. Auf dem Couchtisch vor mir steht eine ausgetrunkene Flasche Weinbrand und einige Bierflaschen. Der Grund für die Kopfschmerzen ist mir mit einem Male wieder sehr präsent und ich schaue mich nach Amelie um. Leider finde ich sie binnen weniger Sekunden. Neben mir. Nackt.

Diese Erkenntnis nehme ich zum Anlass, auch an mir herab zu schauen und finde den selben Zustand vor, was mir trotz Kopfschmerzen und einigem Restalkohol ein sehr ungutes Gefühl in der Magengegend beschert. Zusätzlich zu dem dort bereits vorhandenen, unguten Gefühl, das jedoch ganz klar mit den leeren Flaschen in Zusammenhang steht. Einerseits denke ich mir, dass ich keinen Grund haben sollte, mich zu beschweren. Immerhin könnte selbst Münchhausen in Person nicht ohne rot anzulaufen behaupten, Amelie sähe nicht aus wie eine inkarnierte Sexgöttin. Andererseits ist da bereits wieder die nüchterne Hinterkopfstimme, die mich darüber informiert, dass ich ganz offensichtlich etwas richtig, richtig dummes angestellt habe. Die verdammte Hinterkopfstimme wacht auch zu den ungünstigsten Momenten auf, denke ich mir.

Ich versuche kurz, gegen selbige zu argumentieren, indem ich vor mir selbst vorbringe, dass man kaum sagen kann, dass ich das angestellt habe. Denn ob ich nach dieser Flasche noch so richtig ich war, das sei ein würdiger Gegenstand philosophischer Grundsatzdiskussion. Die Hinterkopfstimme möchte davon jedoch nichts wissen und plagt mich mit weiteren, schmerzhaften Krämpfen der Hirnwindungen.

Was, wenn Bodo das erfährt? Und noch schlimmer: was, wenn Sandine es herausbekommt? Ich weiß genau, dass ich ihrem Blick nicht werde standhalten können. Ich schaue erneut auf Amelie und stelle fest, dass sie im Halbdunkel mit den rot gefärbten Haaren das exakte Abbild jener Eva ist, der ich so lange hinterher gejagt bin. Das Leben ist eine Abfolge schlechten Timings.

 

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