Sequenz 25 – Cool Cat

Ich besinne mich nach einer angenehmen, mehrstündigen Ohnmacht meiner Kernkompetenzen, während ich mich wie Lazarus aus dem Polster meiner Couch erhebe. Amelie ist bereits verschwunden, nur auf dem Tisch liegt einem Mahnmal gleich eine einzige Socke.

Ein kurzes Schnüffeln an selbiger bestätigt mir, dass auch Frauen schlechten Fußgeruch haben können und da ich nach längerer Suche nur meine rechte Socke auffinden kann, schlüpfe ich kurzerhand in ihre. Im Fall kalten Bodens und einer kräftezehrenden Reise zum Kaffeeautomaten muss man praktisch denken. Mein antiquierter Anrufbeantworter im Flur blinkt melancholisch in meinen kaum vorhandenen Augenwinkel, als ich in Richtung Küche gehe.
Die Zeit zwischen Anschalten und dem Blinken der Bereitschaftsleuchte dehnt sich scheinbar ewig und mein Magen rumort fürchterlich. Der Dunst verschütteter Alkohlreste und schalen Biers windet sich durch die ganze Wohnung und mir dämmert die Erkenntnis, dass Frühstück vorerst ausgeschlossen ist. Nach Spülvorgang, Brühvorgang und Kaffeeausgabe schleiche ich mit meiner Tasse zurück in Richtung Couch und öffne auf dem Weg dorthin alle Fenster. Möglicherweise erfriere ich nackt mit einer Kaffeetasse in der Hand auf der Couch. Das würde meine Probleme mit einem Schlag lösen. Doch dieser aufheiternde Gedanke entlockt mir kein Lächeln.
Hier sitze ich also nun und denke darüber nach, wie mein gerade noch so unkompliziertes Leben plötzlich so verwirrend werden konnte. Im einen Moment hast du keine Eva und dann, ehe du dich versiehst, hast du zwei. Dabei ist mir nicht einmal bewusst, wie ich das angestellt haben könnte. Eigentlich war ich nur ein ganz normaler Typ auf der Suche nach einer ganz normalen Frau gewesen, der bestenfalls verschwommene Vorstellungen davon hatte, was er wollte. Dann kam da diese Frau, die partout nicht erobert werden sondern erobern wollte, nahm mich an die Hand und in Besitz und ehe ich mein Glück fassen konnte, kam die Nächste zur Tür herein und nahm sich ebenfalls, wonach ihr gerade der Sinn stand. Oder hatte ich sie mir genommen? War mir Sandine gestern Nacht einfach nicht genug gewesen? War ich gierig geworden?
Und wieder dämmert mir die Einsicht, zu der jeder Mann eines Tages kommt (ebenso wie jede Frau, allerdings mit anders verteilten Rollen): du kannst nicht mit ihnen leben und nicht ohne sie. Ich reflektiere noch einmal, wie es soweit kommen konnte, natürlich ebenso ohne Ergebnis. Ich verfolge eine Traumfrau, die ich mir wie die Karotte dem Esel vorhalte und wie jener Esel auch nicht erreichen kann, dann findet mich eine und kaum hat mich eine gefunden und ich gerade begonnen, Idealbild und Realität zu vereinen, da findet mich die Nächste, etwas, das andernfalls in tausend Jahren nicht geschehen wäre, und ich bin wieder ganz am Anfang meiner Überlegungen.
Ganz abgesehen von dem tiefen, tiefen Loch, in dem ich mich vergraben werde müssen, sobald Bodo davon erfährt, dass sein bester – vielleicht sogar einziger – Freund mit einer seiner beiden Freundinnen geschlafen hat. Ohne Kondom, wie mir doppelt erschreckend einfällt. Zumindest war keines aufzufinden. Hoffentlich hat sie es mit der Socke verwechselt und nur das Falsche angezogen, denke ich kurz.
Ich versuche mir eine Strategie zurecht zu legen. Immerhin kann es doch für jemanden, der Menschen unnütze Versicherungen andreht, nicht schwierig sein, sich aus einer solchen Lage heraus zu reden, oder doch? Die Ausrede mit dem Ausrutschen und auf ihr landen würde wohl nicht ziehen, habe ich den leisen Verdacht. Möglicherweise könnte ich auf die kosmische Gerechtigkeit plädieren, nach der Bodo doch auch nur eine Frau zustünde und er die Zweite nunmehr auch einmal ausleihen müsse. Fraglich, ob er meiner Argumentation folgen würde, würde ich es auf diese Weise versuchen.
Ehrlichkeit. Die soll auch eine Option sein, habe ich mir gelegentlich sagen lassen. Doch wie würde in diesem speziellen Fall eine ehrliche Antwort aussehen? Ich war so betrunken, dass es einfach passiert ist? Bin ich denn ein Automat der keine Kontrolle mehr über seine Taten hat nach einer bestimmten Promillegrenze? Ich werde wohl in diesem Fall auf Bodos Gnade hoffen müssen oder darauf, dass es nie heraus kommt. Zumindest kennt er mich schon lange und weiß, dass ich nicht gerade mit einem starken Willen gesegnet bin. Vielleicht rettet mich das.
Natürlich hängt das auch davon ab, was Amelie erzählt. Ob Amelie erzählt. Wem Amelie erzählt. Oh verdammt, Sandine.

 

Ich werde es Sandine erzählen müssen. Zumindest denke ich, dass es das Richtige wäre. Und man muss doch das Richtige tun. Doch ist es das Richtige? Woher nehme ich eigentlich das Recht zu sagen, dass die Wahrheit zu sagen die richtige Vorgehensweise ist?
Vielleicht möchte Sandine gar nicht wissen, was vorgefallen ist und würde es andernfalls nie erfahren. Ich versuche in meinen Bauch hinein zu horchen, denn – auch das wurde mir beigebracht – wenn man wissen will, was richtig und was falsch ist, dann muss man nur seinem Bauch folgen. Bis auf gelegentliche Krämpfe schweigt selbiger allerdings und vermittelt mir den Eindruck, dass er gerade besseres zu tun hat als sich mit meinen Problemen herumzuschlagen. Kaffee und Alkoholreste zu vermengen hat Priorität vor seelischen Zipperlein.
Wenn ich nicht auf meinen Bauch hören kann, mein Kopf noch nicht richtig funktioniert und sonst niemand da ist, wie kann ich sonst herausfinden, wie ich vorgehen soll?
Mein fanatisch christlicher Freikirchenfreund Christo – ein wandelndes Klischee, freilich – würde mir vermutlich empfehlen, innig zu beten und meine Sünde vor dem Herrn auszubreiten auf dass er mir ein Zeichen schickt. Allerdings waren die Erfolge dieser Methode meiner Erfahrung nach bisher nicht oberhalb des Placebo-Effektes gewesen, so dass ich davon Abstand nehme. Möglicherweise kommt eines Tages eine verzweifelte Stunde… doch noch ist es nicht so weit.
Aus Mangel an Möglichkeiten schleppe ich mich ins Bad unter die Dusche und drehe das Wasser an, bis ich von Dampfwolken umhüllt krebsrot fühle, wie sich meine Muskeln etwas entspannen. Und da weiß ich, was ich zu tun habe: Plan Cool Cat!

 

Ich werde einfach ganz unauffällig abwarten und schauen, wie die Dinge sich entwickeln. Mir doch egal, wie Jesus, Buddha oder andere mythische Figuren darüber denken würden. Solange ich nicht gezwungen bin, es zu tun, werde ich niemanden grundlos verletzen. Immerhin gibt es nichts rückgängig zu machen, ich habe nicht vor, Sandine zu verlassen und eine Affäre nebenher möchte ich auch nicht beginnen. Vorausgesetzt, Amelie hat auch nicht vor, ihre Dreierbeziehung zu gefährden… ein Verbrechen ohne Opfer?
Vom Duschkopf herab schaut mich aus dem Dunst des Wasserdampfes ein Engel traurig an und schüttelt den Kopf. Bevor sich mir dieses Bild zu sehr einbrennen kann jedoch erscheint hinter ihm ein Teufelchen und würgt ihn mit dem Dreizack, bis der Heiligenschein schlaff an seiner Schläfe herab hängt. Dann zwinkert er mir zu und beide verschwinden.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.