Blätter

Die ersten Blätter wachsen wieder und alles beginnt von vorn. Während sich der Winter wieder geschlagen gibt, fängt das Wachsen und Blühen von vorne an und irgendwie ist es wie so viele Male zuvor. Doch keins der Blätter ist am selben Ort und es ist nicht mehr die selbe Zeit.

Du bist nicht derselbe und ich bin nicht derselbe und nichts ist an dem Platz, an dem es zuvor einmal war. Eigentlich hat nichts seinen Platz.

Die Welt ist wieder eine andere, auch wenn sie sich den Anschein gibt, die selbe zu sein. Die Menschen sind nicht dort, wo sie waren und ob sie dort sind, wo sie sein sollen, wer weiß das schon? Vielleicht sind sie einfach dort, wo sie gebraucht werden oder nur dort, wo sie sein möchten. Vielleicht sind sie auch an einem Ort, an dem sie gar nicht sein wollen und wissen nicht recht, wie sie von dort weg kommen. Wie die Blätter. Die Blätter kommen auch nicht so recht weg und sind doch nicht dort, wo sie waren. Vielleicht fühlen auch sie sich, als kämen sie immer wieder am selben Platz an, jeden Frühling. Doch das tun sie nicht, können sie nicht. Bäume wachsen und wiegen sich im Wind, Äste brechen ab und neue wachsen nach und die neuen Blätter mögen an fast identischen Plätzen sitzen, wie ihre Vorgänger. Fast.

So wie die Atome in meinem Körper und die Gedanken meines Kopfes mögen sie ähnlich sitzen wie im Jahr zuvor und doch tun sie es nicht. Wer aufmerksam ist, kann es spüren. Sie haben sich ein wenig verrückt in den kalten Tagen und ein paar haben sich einen neuen Anstrich gegeben. Ein satteres Grün und einen festeren Rand, eine neue Position näher am Licht, strecken sie sich dieses Jahr wieder gen Himmel und sind ihm vielleicht sogar ein Stückchen näher gekommen. Wer im Frühling aufmerksam ist, der kann es bemerken, wie alles ähnlich und doch ganz anders ist. Obwohl es auf jeden Tag zutrifft, ist es doch an manchen deutlicher und an manchen geht es in der Summe der Ähnlichkeiten unter. Jeden Tag, jede Stunde ist das Rauschen eines Baches wie niemals zuvor und wie niemals erneut, anders und doch irgendwo vertraut. Er mag nicht das Rauschen lassen, doch die Melodie ändern. Und so wie Bäche und Bäume und mein Kopf immer wieder anders spielen, sich Atome, Blätter und Gedanken tauschen und verrücken, so verrücke auch ich mich und du dich und wenn wir Glück haben verrücken sich auch alle anderen. Ein wenig.

Und vielleicht hört jemand zu und schaut genau hin und weiß es zu würdigen, dass nichts jemals sein kann wie es war und werden kann was es will. Was ich will, vielleicht. Was du willst, möglicherweise.

Kein Blatt ist je an der selben Stelle, nur sehen muss man es können. Und an jedem neuen Platz gibt es neue Winde, neues Licht und neue Aussichten. Anders jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Unendlich anders und doch so vertraut, man könnte es fast übersehen. Übersieh‘ es nicht.

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