Sequenz 26 – Bodo und die Socke

Es klingelt an meiner Wohnungstür, kaum dass ich mit einem Handtuch um die Hüfte aus der Dusche gekommen bin und auf dem Weg aus dem Bad durch die kühle Wohnung, folgt mir eine Dunstwolke als sei ich der Beelzebub persönlich, der gerade in der finnischen Sauna entspannt hat.

Durch den Türspion sehe ich ein vertrautes, dreitagebärtiges Gesicht und eine steile Falte zwischen buschigen Augenbrauen.

Der stechende Blick, der sich auf mein spionierendes Auge richtet, lässt mich Schlimmes ahnen und kurz denke ich darüber nach, wieder in mein dampfendes Bad zu rennen, die Tür hinter mir zu schließen und erst wieder herauszukommen, wenn alle Falten aus meinem Gesicht gewichen sind.

Doch dann entscheide ich mich, mich so zu verhalten, wie es den Legenden zufolge echte Männer tun würden und schaue der Gefahr ins Auge. Ich drücke die Türklinke herunter, setze ein unsicheres Grinsen auf und lasse die Tür aufschwingen. Bodo fährt auf mich herab wie ein tropischer Sturm auf Sumatra: „Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“

Das Lächeln verschwindet augenblicklich aus meinem Gesicht und macht einer geschockten Ausdruckslosigkeit Platz. „Nichts.“ bringe ich hervor.

„Das dachte ich mir bereits“, sagt Bodo und schiebt sich an mir vorbei in mein Wohnzimmer. „Ich soll eine Socke mit nach Hause bringen. Hast du eine Socke gesehen? Hol sie sofort aus deiner Sammlung perverser Erinnerungsstücke heraus!“, blafft er mich an und ich platsche auf kalten, nassen Füßen zurück in mein Bad, um die nunmehr ebenso nasse Socke vom Boden zu fischen. Als ich ins Wohnzimmer zurück komme und die nasse, muffige Socke vor Bodos Gesicht hin- und herschwingen lasse, schaut er mich abwechselnd mit dem linken und dem rechten Auge, je nach Position der Socke, durchdringend an.

Dann kann er sich offenbar nicht mehr der Komik dieser surrealen Situation entziehen und lacht laut auf: „Junge, dass ich ausgerechnet bei DIR mal eine Socke abholen muss, das habe ich nicht erwartet.“

„Ausgerechnet bei mir mal eine Socke abholen? Wie?“, antworte ich wenig eloquent.

„Machtspiele“, gibt er mir zur Antwort, als würde das alles erklären, „du bist im Eimer, wenn du nicht aufpasst.“

„Im Eimer?“

„Jetzt hör doch mal auf jedes Mal mit diesen Echofragen zu antworten. Da kann ich auch mit meiner Handpuppe reden.“

„Du hast eine Handpuppe?“

„Ja verdammt, doch um Pedro geht es hier nicht, sondern um Amelie. Und eins kann ich dir sagen: Für Amelie sind wir Pedro.“

„Du meinst…?“

„Ja, das ist nicht meine erste Socke.“

„Erste Socke?“

„Verdammt noch eins, entweder du hältst die Klappe oder du redest in ganzen Sätzen mit mir.“

„Okay, ganze Sätze.“

„Klappe. Du warst also mit Amelie in der Kiste.“

„Auf der Couch.“

„Kiste, Couch, Klappe verdammt!“

Auf Bodos Stirn pulsiert eine Ader, so dass ich beschließe, mich an seine Anweisung zu halten, bevor diese platzt und die weißen Wände versaut. Die hatte ich immerhin gestern erst knapp vor meinem explodierenden Kopf bewahrt.

„Genau genommen ist das hier die dritte Socke. Ziemlich miese Nummer von Amelie, das auch mit dir abzuziehen. Vielleicht hat es mir vorher einfach zu wenig ausgemacht und sie hatte das Gefühl, zu härteren Maßnahmen greifen zu müssen. Mach dir übrigens keine Sorgen wegen Sandine. Es sei denn, du hast Amelie wütend gemacht. Oh Gott. Du hast sie doch nicht wütend gemacht?“

„Ich äh ich glaube nicht?“

„Hoffentlich hast du Recht. Das ist das dritte Mal, dass sie diese Nummer abzieht. Nach jedem Streit, in dem sie das Gefühl hat, nicht genug geliebt zu werden oder das dritte Rad am Wagen zu sein… Und sie weiß genau, dass ich sie, auch wenn mir manchmal der Sinn danach stünde, nicht rauswerfen kann. Anna würde mich umbringen. Die ganze verdammte Sache funktioniert nur, weil ich Anna liebe und Anna Amelie liebt. Und Amelie… Amelie liebt, dass ihr Leben in einer Dreierbeziehung viel aufregender ist und sich selbst. Manchmal sagt sie auch sie liebe mich und manchmal sagt sie, sie liebe natürlich auch Anna. Aber genau genommen liebt Amelie Amelie. Oder Amelies Bild von Amelie. Ach, was weiß ich. Wichtig ist nur, dass immer genug Amelie vorkommt, denn sonst rennt sie davon, schläft mit dem nächstbesten Kerl, der dazu bereit ist und ‚vergisst‘ eine Socke. Dann kommt sie heim, heult fürchterlich und schickt mich die Socke abholen.

Dem ersten habe ich noch eins in sein dämliches Gesicht gehauen, kaum dass die Tür aufging. Aber beim zweiten war ich schon schlauer geworden. Nicht nur wegen dieser Körperverletzungsanzeige. Nimm die Hände runter, du bist sicher.“

„Sie macht das jedes verdammte Mal?“

„Ja.“

„Und das nur, um es dir heimzuzahlen?“

„Naja mir oder Anna oder uns beiden. Jedes Mal, wenn sie den Eindruck hat, wir könnten auch ohne sie leben oder unsere Beziehung hätte auch als Duo eine Chance. Und sie weiß, dass Anna nicht ohne sie kann und ich nicht ohne Anna. Sie ist der Hebel.“

„Scheiße.“

„Verdammte Scheiße.“

„Scheiße verdammt.“

„Ja. Mach mal noch so einen Kaffee.“

„Okay, Kopi Luwak“, sage ich und schlurfe in die Küche, ein wenig belämmert von all den Informationen. Gleichzeitig muss ich leicht grinsen und bin froh, dass Bodo davon nichts mitbekommt. All diese Zeit hatte ich Bodo beneidet um die zwei hübschen Frauen an seiner Seite und nicht verstanden, wie er das schaffen konnte. Nun weiß ich, dass er gar nicht der tolle Hecht ist, als der er sich gerne ausgibt. Doch die kurze Freude hält sich nicht lang, als die Erkenntnis in mein angeschlagenes Hirn durchsickert, in welcher verzwickten Lage sich Bodo eigentlich befindet und verstehe, dass diese Erkenntnis unsere Freundschaft für immer verändern wird. Denn wenn man mit seinen Freunden fühlt, ist man erst wirklich befreundet.

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