Lehrerpersönlichkeit

fEdel sei der Mensch, hilfreich und gut. Hieß es zumindest noch bei Goethe. Ähnlich könnte es auch für die Lehrerpersönlichkeit gesagt werden, jedoch müsste man noch ergänzen, um schließlich einen Leitsatz á la „edel sei der Lehrer, hilfreich und gut, reflektiert und distanziert, liebevoll und enthusiastisch. Dabei möge er jedoch die Schülernähe nicht vergessen, möglichst strukturiert vorgehen und den Ballast deklarativen Wissens über Bord werfen.“ zu bekommen. Sicherlich ließe sich dem noch einiges hinzufügen.

Eines hat man bereits erkannt – und das ist gut: Die Persönlichkeit des Lehrers ist zentral. Er muss eine Beziehung zu seinen Schülerinnen und Schülern herstellen können, die möglichst tragfähig ist und in guten wie in schlechten Zeiten ein angenehmes, gemeinsames Lernen ermöglicht. Er muss motivieren können, geduldig und belastbar sein, weitestgehend organisiert, um den Alltag zu bewältigen, und zugleich fachlich kompetent genug, um auch bei schwierigen Themen helfend zur Seite stehen zu können. Zudem muss er natürlich sein Lehrerhandeln reflektieren und in der Lage sein, sich kritisch zu hinterfragen und Feedback einzuholen. Im Referendariat reduziert sich dies auf zwei Kernkompetenzen: durchorganisiert und entweder alternativlos genug, alles über sich ergehen zu lassen, oder so sehr von seinem Berufswunsch überzeugt, um auch mit schwersten Kritikankern am Bein noch weiter zu schwimmen.

Denn letztlich mag zwar die Persönlichkeit zentral sein, sie stellt zugleich aber auch ein sehr delikates Kriterium dar, welches niemand so recht quantifizieren kann und will. Welche Eigenschaften sollten etwa zentral sein? Und inwiefern würde man diese auf einem Notenspektrum verorten können? Wäre der wenig belastbare, aber sehr einfühlsame Lehrer, der mit Humor und Geduld sein Klasse unterrichtet „sehr gut“ oder aufgrund des drohenden Burn Out „mangelhaft“?

Zudem: Kritik, die die Persönlichkeit betrifft, ist die harscheste solche, die geäußert werden kann. Sie betrifft den Kern des Individuums, jenes unverwechsel- und weitestgehend unveränderbare Ding, das wir als „Ich“ begreifen. Kritik, die auf eben jene (überspitzt) unveränderbaren, identitätsstiftenden Merkmale abzielt, verletzt. Mobbing, das auf den Charakter abzielt, kann einen Menschen so stark treffen, dass noch Jahre später Unsicherheit, Panik oder mangelndes Selbstwertgefühl bleiben. Hate Speech zielt gerade auf solche Merkmale ab, die einer Gruppe pauschal zugeschrieben werden, den Charakter betreffen und wird mitunter deshalb besonders gestraft. Die logische Folge ist, dass als Bewertungskriterium die Persönlichkeit nicht ernsthaft in Frage kommt.

Es werden also Dinge wie Auftreten, Mimik und Gestik oder auch schülerzugewandtes Verhalten thematisiert, die letztlich jedoch auch nur schwer quantifizierbar sind und deshalb nicht zur Benotung herangezogen werden können.

Was wiederum gut bewertbar ist, liegt auf der Hand: Arbeitsmaterial, optische Aufbereitung, Zielorientierung und Transparenz, Stundenschwerpunkt, Organisation. Und an dieser Messlatte kann nun quantifiziert werden. Solange jedoch die Einstellung rein nach einem Notenschnitt erfolgt, der wiederum die Qualitäten, die in der jüngsten Forschung als zentral für gute Lehrer gesehen werden, außen vor lässt oder nur am Rande mit einbezieht, kann auch keine wahre Verbesserung erreicht werden. Möchte man den hehren Zielen, geeignete Persönlichkeiten als Lehrer einzustellen, Rechnung tragen, so muss man entweder auf die Note verzichten und ausformulierte Beurteilungen (mit ausreichend Ich-Botschaften versehen) anfertigen, oder mit dem Tabu der Beurteilbarkeit von Persönlichkeiten brechen und bei der Benotung der (reflektierten) Lehrerperson Priorität einräumen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.