Kapitel 2 – Beim Gesundheitsamt

Eine glückliche Fügung des Schicksals, die Götter schienen mir hold, ermöglichte es mir, bereits am darauffolgenden Donnerstag einen Termin beim Gesundheitsamt wahrnehmen zu dürfen. Auch von diesem Ort, den der Durchschnittsbürger Max Mustermann tunlichst zu meiden sucht, hatte ich bereits abenteuerliches gehört. Doch meine Entscheidung, das Referendariat anzutreten, möge als Beleg dafü ausreichen, dass ich mich nicht von solchen Mythen und Übertreibungen einschüchtern lasse. Mutig, pünklich und frohgemut ging ich an besagtem Donnerstag zu besagtem Amt.

Empfangen wurde ich von einer Dame, die ich im weiteren Verlauf als Dr. Kratia (Vorname Biro) bezeichnen möchte, was natürlich enttäuschenderweise nicht ihr richtiger Name ist. Biro Kratia empfing mich in ihrem Büro zu einer Zeit, in der eigentlich ihre Mittagspause liegen sollte – ein Umstand, den ich ihr hoch anrechnete. Sie war von eher kleinem Wuchs, schmal und dünn, mit einem akkuraten Pferdeschwanz sowie der obligatorischen Hornbrille. Der erste Eindruck, den ich von ihr bekam, war durchaus freundlich, jedoch ebenso resolut.
Nach einem kurzen Händedruck wurde ich zunächst gebeten, mich auf dem Stuhl ihr gegenüber niederzulassen und „ein paar kurze Fragen“ zu beantworten. Das sollte gut werden, dachte ich. Anfänglich handelte es sich um die zu erwartenden Fragen: Gibt es in Ihrer Familie eine Vorgeschichte von Diabetes, Krebs, Herzleiden…? Wie oft trinken sie Alkohol? Rauchen Sie? Treiben Sie Sport? Waren Sie jemals in psychotherapeutischer Behandlung? Haben Sie jemals die Dienste eines Psychologen oder Psychiaters in Anspruch genommen? Waren sie jemals in einer (nicht psychotherapeutischen) Behandlung? Ich meine mich sogar zu entsinnen, dass von „therapieähnlichen Situationen im Bekanntenkreis“ die Rede war, hier könnte jedoch meine Fantasie mit mir durchgegangen sein. Hoffe ich.
Offenbar wollte man hier ganz sicher gehen, dass im Oberstübchen der angehenden Beamten alle Tassen wohlsortiert waren.
Hatten Sie jemals eine Geschlechtskrankheit? Waren Sie jemals beim Urologen? Nun fand ich es doch etwas persönlich.
Hatten Sie jemals Rückenschmerzen? Haben Sie Probleme mit Ihrem Rücken? Waren Sie jemals wegen Ihres Rückens in Behandlung? Nein, natürlich nicht. Obwohl ich mich doch fragte, wer eigentlich noch niemals Rückenschmerzen hatte. Aber lieber sicher gehen. Mein Rücken ist völlig in Ordnung. Man hat ja bereits solche Gerüchte gehört:
„Trinken Sie Alkohol?“
„1-2 mal im Monat vielleicht.“
„Aha, also regelmäßig.“
Das sollte mir nicht passieren. Nachdem wir also alle möglichen Krankheiten, Zipperlein und Fallstricke durchgegangen waren, durfte ich mich bis auf die Unterhosen entkleiden und durch den Raum laufen. Ich übertreibe sicher nicht, wenn ich dies als einen der stolzesten und befreiendsten Momente meines bisherigen Lebens beschreibe. Es war ein fast so erhebendes Erlebnis wie damals bei der Musterung zur Wehrdiensttauglichkeit. Wenigstens musste ich nicht husten und durfte die Unterhose auch anbehalten. Nachdem ich unter den missbilligenden Blicken Frau Dr. Kratias durch den Raum stolziert war – watschelte ich etwa? Liefen andere Menschen besser? -, durfte ich mich vornüber beugen, um mit den Fingerspitzen meine Zehenspitzen zu berühren. Wiederum war ich sehr stolz darauf, diese Übung mit Bravour meistern zu können. Trotzdem ich nicht vornüberfiel, schnalzte Dr. Kratia missbilligend mit der Zunge, während sie mit dem Finger meine Wirbelsäule entlang fuhr. Offenbar hatten andere Menschen hübschere Wirbelsäulen. Diese Überlegung würde mich mein Leben lang begleiten, dessen war ich mir sicher.
Nach Abschluss dieser Zirkusübung durfte ich mich auf die Liege des Zimmers legen und sodann mit den Fingerspitzen der linken Hand mein rechtes, angehobenes Knie und darauf meine rechten Zehen berühren. Die Löcher in den Socken waren mir jetzt doch irgendwie peinlich. Doch immerhin traf ich die Fußzehen und auch das Knie verfehlte ich nicht. Diese Übung wurde sogleich auf der anderen Seite wiederholt, anschließend mit geschlossenen Augen. Man weiß nie, wann diese Beweglichkeit im Klassenraum mal von Nutzen sein könnte. Man stelle sich vor, man stünde von Kreidestaub geblendet im Klassenraum, eine Horde kreischender Schüler haben den Saal unter Wasser gesetzt (weil man noch nichts über „Classroom Management“ gelernt hat), rutscht aus, läuft somit Gefahr, sich die Hüfte zu brechen, wenn man nicht instinktiv die linke Hand blind an den rechten Fuß legen kann, um den Aufprall abzufedern. Nicht auszudenken, was die Folgen wären, wäre der Lehrkörper nicht in Topform. Glücklicherweise bestand ich auch diesen Test. Fast dachte ich bereits, ich könne nun gehen, da wies mich Frau Dr. Kratia darauf hin, dass ich zum einen auf keinen Fall auch nur ein Gramm zunehmen dürfe, weil mein BMI zu hoch sei. Und als sei dies nicht genug, frei nach dem Spruch „to add insult to injury“, fügte sie hinzu, dass ich eigentlich auch zu große Brüste für einen Mann habe und falls ich beim Abtasten abends vor dem Fernseher einen Knoten ertaste, solle ich doch frei von Scham meinen Arzt befragen – Brustkrebs gäbe es nämlich auch bei Männern und gerade bei diesen sei er besonders schlimm. Zumindest war sie so freundlich, mir mitzuteilen, dass diese Gefahr momentan nicht bestehe, es handele sich lediglich um unnötiges Fett. Ich war sofort beruhigt.
Den Abschluss fand dieser beschämendste Tag meines Lebens beim üblichen Bluttest, für welchen ich mich ins Labor setzen durfte. Hier saß ich also Auge in Auge mit einem großzügigen Stapel diversester Drogentests, erfüllt von der irrationalen Angst, man würde in der Blutprobe Drogen finden, die ich nie genommen hatte. Fast war ich überzeugt, dass ein falsch positiver Test auf Metamphetamine meiner Lehrerkarriere ein vorzeitiges Ende bescheren würde, da war die Prozedur auch schon vorüber. Lediglich die Farbe meines Blutes war wohl offenbar nicht der Norm entsprechend, jedoch ließ die dunklere Färbung keinen Rückschluss auf etwaige blaublütige Vorfahren zu. Schade eigentlich. Ob ich etwas gegessen habe, wurde ich noch gefragt, worauf ich den spärlichen Konsum einiger Südafrikanischer Tafeltrauben – Schande über mein möchtegerngrünes Gewissen – zugab. Offenbar war dies nicht genug, weshalb ich großzügig eine Brezel addierte, was die beiden Damen – Laborantin und Dr. Kratia – sichtlich erleichterte. „`Hätten Sie das jetzt nicht gesagt, wäre der Test total umsonst gewesen und sie hätten morgen erneut antanzen müssen!“‚ unterrichtete sie mich. Schwein gehabt. Aber irgendwoher mussten diese übergroßen Brüste ja auch kommen!
Den goldenen Abschluss fand die Untersuchung in der Abgabe der Urinprobe. Zu meiner Erleichterung hatte mein bieder-spießbürgerliches Auftreten Frau Dr. Kratia offenbar davon überzeugt, dass ich kein Drogensüchtiger wäre, denn sie verzichtete darauf, mit mir auf Toilette zu gehen. Zumindest erfuhr ich so, dass scheinbar einige Menschen mit künstlichen Penissen und „Fremdurin“ zum Test kommen, um den Drogentest hereinzulegen. Diverse andere Tricks waren der Laborantin auch bereits untergekommen, der künstliche Penis war lediglich das spektakulärste der Beispiele. Die Toilette selbst war mit Stahltür und einer an ein Restaurant erinnernden Durchreiche ausgestattet, in welche man den Becher stellen musste. Daraufhin schloss sich die Durchreiche und verriegelte. Die Sicherheit der Proben wurde hier offenbar sehr ernst genommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.