Kapitel 3 – Aufnahmerituale

Einige Tage später (weiterhin kein DHL-Express) erreichte mich ein erneuter Brief. Das Land persönlich teilte mir mit, dass ich in den „Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Gymnasien“ aufgenommen worden war und dass man mir eine Schule 35km entfernt von meinem derzeitigen Heimatort zugewiesen habe. Hätte schlimmer kommen können, zumindest musste ich nicht umziehen. Jedoch brauchte ich nun dringend ein Fahrzeug, denn immerhin musste ich die 70km täglich pendeln und zudem zweimal wöchentlich auch im Studienseminar erscheinen,

40km von mir entfernt, 30km von der Schule, der man mich zugewiesen hatte. Unnötig zu erwähnen, dass die Zug- und Busverbindungen zum einen schlecht, zum anderen ebenso teuer wie ein eigenes KFZ waren. Gerundet. Ich muss zugeben, dass ich ein paar Euro billiger davon gekommen wäre, hätte ich mich für Bus und Bahn entschieden. Allerdings auch mit deutlich erhöhtem Zeitaufwand. Und die Fahrgemeinschaften zu Schule und Seminar waren mir schon von Bekannten als schwer planbar und wenig zuverlässig geschildert worden.

Doch für den Beginn musste ein Leihwagen aus der Familie reichen. Mit diesem schnittigen Youngtimer fuhr ich dann auch dankbar zum Seminar, um mir Vorstellung, Einführung und weitere Veranstaltungen anzuschauen. Die Schlange anstehender Referendare/-innen war beeindruckend. Und die Menge an Informationen, auszufüllender Blätter und rechtlicher Belehrungen zu Nebenbeschäftigungen, kriminellen Handlungen und deren Folgen und der elektronischen Prüfungsverwaltung sowie Krankmeldungsprozeduren war ebenfalls alles andere als gering. Zumindest waren die zuständigen Seminarleiter/-innen durchweg freundlich, teilweise sogar sehr unterhaltsam, während sie uns auf den Ernst des Beamtendaseins einstellten. Natürlich gab es zwischendurch Kaffee und Willkommensordner. Ordnung sollte für die kommenden Monate sowieso ein bestimmendes Element in meinem sonst so sündhaft ungeordneten Leben werden. In der Mappe fanden sich die Namen der uns zugeteilten Fachleiter, ganz angenehme Persönlichkeiten, wie ich auf den ersten Blick fand, sowie Ablauf und Voraussetzungen für die sogenannten „Intensivwochen“.

Bei diesen Intensivwochen handelte es sich um zwei Wochen, die primär dazu dienen sollten, das Wissen, was den Staatsexamenskandidaten (also jenen Langzeitstudenten wie mir, die noch übrig waren von dieser aussterbenden Spezies) zu vermitteln, das die neue Spezies des „Master of Education“ bereits im Studium vermittelt bekam mit Hilfe häufigerer Praktika und einem praxisnäheren pädagogischen Teil. Kurz: Das „tote Wissen“, das wir armen Staatsexamensmenschlein an der Universität eingetrichtert bekamen, praktisch nutzbar zu machen. Irgendwie war mir der Zeitrahmen von zwei Wochen für dieses Unterfangen schon gleich suspekt. Wie sollte man es einrichten, 10 Jahre nutzlosen, verstaubten, akademischen Wissens für das Wunder der Schule aufzuschließen, nutzbar zu machen und mich in eine kompetente Junglehrkraft zu verwandeln? Und wann war eigentlich all das schöne Wissen, das ich mir in mühevoller Arbeit angeeignet hatte, gestorben? Ich hatte nicht einmal einen Nachruf in der Zeitung gelesen!

Die Intensivwoche jedenfalls bestand aus einer Woche des ersten Faches, einer Woche des zweiten, in denen von 8 – 14 Uhr die Grundlagen vermittelt werden sollten. Ein pädagogischer Crashkurs, der die 6 Monate, um die das Referendariat gekürzt wurde, ersetzen sollte. Kostet schließlich auch weniger.

Die Fachleiter lernten wir an diesem ersten Tag noch nicht kennen, die besagten Veranstaltungen nahmen den größten Teil des Tages ein und schließlich sollte auch noch die Vereidigung stattfinden. Vor der ersten Pause jedoch wurde ich noch offiziell von der Seminarleitung begrüßt und darüber informiert, dass ich leider nicht verbeamtet werden würde, da die Unterlagen noch nicht eingetroffen seien. Das wiederum traf mich irgendwie, immerhin hatte ich mir die größte Mühe gegeben, dass alles rechtzeitig ankäme. Man bot mir an, bei der Verbeamtungszeremonie trotzdem anwesend zu sein und dann, wenn der Rest den Eid schwört, einfach sitzen zu bleiben. Rückblickend muss ich sagen, dass ich hier bereits meinen ersten Fehler beging, als ich das Angebot ausschlug. Ich verwies darauf, dass ich noch einiges zu erledigen habe und die Zeit dann gerne nutzen würde, dies auch zu tun. Dass der wahre Grund jener war, dass ich mich nicht derart ausgeschlossen fühlen wollte gleich bei der ersten, offiziellen Veranstaltung, behielt ich für mich. „Keine Schwäche zeigen“ lautete mein Motto und es war ja auch nicht gelogen – ich musste durchaus mit Versicherungen bezüglich einer KFZ Versicherung sprechen und das ein oder andere organisatorische Detail erledigen. Wiederum rückblickend ist mir klar, dass ich vermutlich abweisend, möglicherweise gar renitent gewirkt haben muss. Zudem war es sicherlich keine Freude für die Seminarleitung, mir den Eid erneut vorlesen zu müssen, was ich mit den Worten „Keine Sorge, mein Vater ist Beamter, meine Pflichten kenne ich bereits sehr genau“ herunterspielte. Dies fügte dem ersten Eindruck, den ich hinterließ, vermutlich den Punkt „arrogant“ hinzu.

Ich übertreibe sicherlich nicht, wenn ich lobend erwähne, dass ich mein Verfügen über die Kernkompetenz „Fettnäpfchen mitnehmen“ damit hinreichend bewiesen hatte.

Tags darauf wurde ich dann auch tatsächlich verbeamtet, in einer eher formlosen Unterschriftenaktion im Büro der Seminarleitung. Ich betonte erneut, mich mit den Pflichten des guten Beamten auszukennen und bemühte mich, freundlich zu wirken. Denn jeder weiß, den ersten Eindruck macht man leicht wieder wett. Auf dem Rückweg vom Büro zum Plenarsaal grüßten mich zwei der Fachleiter freundlich mit den Worten: „Schau ihn dir an, jetzt ist er Beamter, man sieht gleich die Veränderung!“ worauf ich antwortete, dass ich mich durchaus bereits wesentlich organisierter fühlte. Nun, wenigstens hatte ich nicht geantwortet, ich würde mich gleich müder fühlen und dann gerne eine Pause einlegen. Und auch einen Beamtenwitz wie „Drei Dinge in einem Raum, einer bewegt sich, na? Richtig, zwei Beamte und ein Ventilator!“ habe ich mir immerhin verkneifen können.

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