Die Zeit heilt keine Wunden

Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, über einschneidende Erlebnisse, verlorene Liebe, Handlungsmuster und gescheiterte Träume. Wenn das interessant klingen sollte, so kann der geneigte Leser hier mehr erfahren..

 

Man sagt, die Zeit heile alle Wunden. Kommt Zeit, kommt Rat ist ein weiteres dieser Sprichwörter. Und es gibt sicher eine Menge mehr, die alle darauf gründen, dass mit dem Lauf der Zeit und der Variabilität der Ereignisse auf dieser Zeitachse tatsächlich eine Änderung eintrifft, die uns vergessen lässt, welche Wunden uns geschlagen wurden. In der Naturwissenschaft ist das ein nachvollziehbarer Gedanke: Wenn man unendlich Zeit besitzt, so können unendlich viele Dinge geschehen und alle Möglichkeiten können (und müssen) irgendwann eintreffen (solange sie im vorhandenen Rahmen passieren können). Doch was ist mit uns? Unsere Zeitspanne ist nicht unendlich. Nur ein winziger Bruchteil all der tollen Dinge, die uns passieren können, werden uns auch passieren. Auf der positiven Seite bedeuted das: Nur ein Bruchteil all der fürchterlichen Dinge, die uns zustossen könnten, werden uns auch zustossen. Das heißt nicht, dass unsere Zukunft unveränderlich wäre. Es heißt auch nicht, dass unsere Träume nicht wahr werden werden. Und es heißt, dass nicht alle Wunden geheilt werden können, zumindest nicht vom Rad der Zeit alleine. Ich möchte noch anmerken, dass ich hier nur von psychischen Wunden spreche.

Von meinem Wissensstand aus betrachtet, stellen sich diese seelischen Wunden folgendermaßen dar: Es gibt ein Erlebnis, dass uns so schwer mitgenommen hat, dass es sich tief im Gehirn verankerte. Dieses Erlebnis (dessen Dauer variieren kann, wobei ich denke, dass je länger dieses Erlebnis, diese Situation währt, einen desto tieferen Eindruck hinterlässt) verursachte Schmerzen, physischer oder psychischer Art (und allzu oft geht beides Hand in Hand), was dazu führte, dass es im Gehirn stark geprägt wurde (sozusagen einen bleibenden Eindruck hinterlässt). Das ist ganz simpel betrachtet ein Überlebensmechanismus: Das (negative) Erlebnis wird gespeichert und bleibt vorhanden, damit wir in Zukunft ein Erlebnis der gleichen Art vermeiden können, indem wir die Vorzeichen erkennen und Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass das selbe Ergebnis dabei herauskommt. Je nachdem wie stark dieses Erlebnis uns nun beeinträchtigt oder betroffen hat, reagieren wir in zunehmendem Maße irrational auf Anzeichen einer ähnlichen Situation und vermeiden instinktiver Konstellationen, die auf das selbe hinauslaufen könnten. Ein weniger traumatisches Erlebnis können wir also einfacher rationalisieren (und geplanter auf ähnliches reagieren) als bei einem stärker traumatischen Erlebnis. Handelt es sich – um ein Beispiel zu nennen – um etwas andauerndes und prägendes wie in der Kindheit verprügelt zu werden, sobald man sich auf eine spezifische Art verhält, so werden wir unser Verhalten in zunehmendem Grade anpassen, um Wiederholungen zu vermeiden, werden Gefangene unseres Instinktes. Ist es eine isolierte Situation, werden wir uns zwar erinnern (und je nach Schwere instinktiv ablehnend reagieren (zunehmend irrational)), aber haben die Möglichkeit, rational darauf einzugehen und basierend auf der gleichen Grundsituation ein neues Verhaltensmuster zu prägen oder eine neue Verhaltensweise zu testen. Auf diese Weise heilen Zeit und ratio unsere Wunden, wenn wir rational darauf reagieren können. Man definiert so, dass das Ergebnis des früheren Erlebens nicht das Einzige sein muss, das entstehen kann, sondern dass – mit einem anderen Handlungsprogramm – bessere Ergebnisse erzielt werden können.

Voraussetzung dafür, dass wir so eine Situation neu definieren können und neu belegen können, ist aber, dass wir erkennen, warum wir wie reagieren und wo wir ansetzen müssen, um diese Reaktion (die, wie gesagt, je nach Schwere der Initialsituation, die unser Handlungsmuster prägte, mit zunehmendem Grad automatisch abläuft) zu verändern oder einzustellen. Und oft – schwere Initialsituation – können wir nur hilflos zuschauen, wie wir dicht machen und abblocken oder aggressiv reagieren, dem Handlungsmuster bei der Arbeit zuschauen. Haben wir es mit einer solch stark geprägten Situation zu tun, hilft vielen nur, sich Hilfe zu suchen (bei einem Therapeuten etwa). Oder man arbeitet selbst an sich und versucht, die eigenen Reaktionen zu beobachten, zu erkennen und zu beeinflussen.

Ich denke, dass es wichtig ist, zu erkennen, wann man „Opfer“ eines solchen Handlungsmusters wird und dieses entsprechend anzupassen. Nicht immer ist das eine einfache Unternehmung, ich wage gar zu behaupten, dass es eine sehr schwere Unternehmung ist. Aber es ist auch eine notwendige, denn die Zeit wird es nicht von alleine heilen, vor allem dann nicht, wenn man verdrängt, was der Auslöser ist und sich somit gewollt oder ungewollt steuern lässt von einem Muster, das einem möglicherweise die Lebensqualität einschränkt. Lässt man ein solches, stark geprägtes (weil oft verwendetes) Handlungsmuster unangetastet, so wird es automatisch immer wieder ablaufen und dadurch immer stärker geprägt werden, ohne dass uns dies bewusst wird. Wenn es jemals andere, schwächer geprägte Muster gab, so wird mit der Zeit dieses stärkere das Einzige werden, was existiert und uns somit die Macht nehmen, unser Verhalten selbst zu steuern. Dann wacht man eines Morgens auf, möglicherweise nach einem sehr plastischen Traum, und fragt sich, wie real diese Welt eigentlich sein kann und wieso man nicht diesen Traum gegen seine momentane Realität tauschen kann und man ist unzufrieden. Vielleicht erkennt man, dass dieser Traum real sein könnte, hätte man sich nicht dieses verflixte Muster prägen lassen aus dem selben Grund, warum der Traum nicht Realität ist: Weil man eine Wunde zugefügt bekam und der Traum endete. Und möglicherweise wundert man sich dann, ob nicht vielleicht dieses eine Erlebnis, das man nicht verarbeitet hat, die Entstehung eines neuen Traumes, einer anderen Realität noch heute verhindert, vielleicht schon mehr als ein Mal verhindert hat..

 

 

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