Komische Ansichten


Ich war heute im Buch Habel, da ich ein wenig Zeit totschlagen musste (wo, wenn nicht hier?), und dabei fiel mir „Kinder des Judas“ in die Hände und ich dachte, das könnte ich doch eigentlich meiner Fantasysammlung hinzufügen, Vampirgeschichten sind schliesslich immer unterhaltsam… oder?

Tja, Pustekuchen. Offensichtlich sind nicht alle Vampire die bösen, dunklen Wesen. Ein paar sind auch komische, fehlgeleitete Religionsgläubige, scheinbar. Ich habe (glücklicherweise) das Buch aufgeschlagen und die ersten drei bis vier Seiten gelesen (immerhin war ich ja dort, um Zeit totzuschlagen). Diese haben mich dann leider so genervt, dass ich das Buch enttäuscht wieder weggelegt habe. Dann doch lieber Christopher Moore! (Hier kann ich nur „Bloodsucking Fiends“ und „You Suck (A Love Story)“ empfehlen)
Womit fing das Buch an, dass es mich so abschreckte? Nun, ich werde es sogleich berichten: Es fing damit an, dass der „Vampir“ berichtete, er könne Atheisten nicht verstehen. Denn er als gläubiges Wesen wisse, dass Gott einen Plan habe und der arme Atheist könne gar niemandem die Schuld zuweisen (für den tragischen Krebs eines kleinen Mädchens in diesem Fall). Für den Atheisten wäre somit alles unpersönlich und niemand verantwortlich, was ja schrecklich sei. Darauf folgend wird direkt angeführt, dass man natürlich aber Gott nicht die Schuld geben könne an diesem tragischen Fall. Da frage ich mich doch sogleich einige Dinge:

  1. Wieso muss man für Unglücksfälle jemandem die Schuld geben?
  2. Wieso darf denn der Gläubige nicht wenigstens Gott die Schuld geben?
  3. Welchen Vorteil hat denn der Gläubige dem Atheisten gegenüber, wenn er Gott die Schuld nicht geben darf und der Atheist sie keinem geben kann?
  4. Der Atheist kann niemand die Schuld geben, also kann der Gläubige im Gegensatz jemand die Schuld geben – Gott -, was er aber nicht darf. Bitte wie?

Scheinbar ist es dem Autor (oder dem fiktionalen Vampir) nicht in den Sinn gekommen, dass es nicht immer einen Schuldigen geben muss. Natürlich ist es für die meisten Menschen wesentlich angenehmer und befreiender, wenn sie auf jemanden deuten können und schreien „Er war es, macht ihn fertig!“, doch einen wirklichen Vorteil hat man auch davon nicht. Und überhaupt, was ist denn so schwer daran, einfach zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, an denen niemand schuld ist? Es gibt nunmal Unfälle. Und wenn es nun (wie der „Vampir“ auch so schlau anmerkt) keine Indizien gibt, was schuld ist, weshalb es so kam, wie es kam und das fiktive Mädchen Krebs bekam, dann ist es nunmal so, dass wir nicht alles verstehen, was in der Welt vor sich geht.
Vielleicht waren die Gene unvorteilhaft, eine unglückliche Begebenheit wie eine Mutation, die ein exponentiell höheres Krebsrisiko bewirkt zum Beispiel. Scheinbar äussert sich so unsere Inklination, in zusammenhängenden „Geschichten“ zu denken. Vielleicht schlägt dies dazu um, dass wir immer einen Auslöser brauchen, einen Schuldigen. Doch wenn es keinen gibt, wenn es ein Zusammenspiel widriger Umstände ist, wenn die Natur einen Patzer produziert hat, dann kann es einfach keinen Schuldigen geben und der Atheist kann das auch akzeptieren (klar wurmt es auch den Atheisten, vor allem deshalb, weil es dem Menschen wieder demonstriert, wie machtlos er doch allzu oft dasteht).
Doch der gläubige Mensch ist nicht besser dran. Was nützt es denn letztendlich, wenn man unbewusst oder bewusst als „Schuldigen“ Gott einsetzt und dann zu dessen Verteidigung sagt, dass dieser einen Plan hat? Auf einen Menschen angewendet würde dies vorsätzlichen Mord konstituieren (es ist ein Plan vorhanden und er steht auf „sittlich niedriger Stufe“, schließlich will Er nur Seinen Plan durchziehen), doch bei Gott ist damit alles in Ordnung!?! Ich respektiere gerne, wenn jemand aus diesem Gedanken Trost beziehen kann, halte jedoch die Argumentation für wesentlich schwerer zu verdauen als wenn man davon ausgeht, dass es ein Verbrechen ohne Täter war.
Sagen wir nun, wir akzeptieren, dass Gott einen Plan hat; dieser Plan beinhaltete, dass das kleine Mädchen Krebs bekommt und stirbt (weil nur so der Weltfrieden gesichert werden kann zum Beispiel). Nun ist es so, dass der Atheist keinen Schuldigen hat, der Gläubige aber Gott (natürlich nicht als Schuldigen! Dennoch müssen wir ihn aber zwingend als Verantwortlichen sehen, wenn wir voraussetzen, dass er allgegenwärtig, allmächtig und allwissend ist).
Den Atheisten plagt fortan nun natürlich der Verlust des (geliebten) Kindes, das ihm von einer tragischen Laune der Natur genommen wurde. Es ist schwer, mit einem solchen Schicksalsschlag fertig zu werden, natürlich. Den Gläubigen plagt nun ebenso der Verlust des (geliebten Kindes), das ihm aber vom „Plan Gottes“ genommen wurde und an einem „besseren Ort“ ist. Hilft dieser Paradiesgedanke tatsächlich darüber hinweg, dass man den geliebten Menschen nie wieder sieht und seine „körperliche Hülle“ (um einen weiteren christlichen Terminus einzufügen) unter der Erde verrottet (oder sonstwie entsorgt wurde)?
Meiner Ansicht nach hilft das keinesfalls und der Gläubige hat keinen Vorteil dem Atheisten gegenüber. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass der Gläubige einen Nachteil hat, weil er davon ausgehen muss, dass das Wesen, dass er anbetet und dem er sich unterwirft, zugelassen hat, dass ihm ein geliebter Mensch frühzeitig genommen wird – aus keinem ersichtlichen Grund. Man kann gönnerhaft dem Gläubigen einen positiven Punkt in die Waagschale werfen: Gebet kann helfen, einen Verlust zu bewältigen, ein Glaubenssystem schafft Rückhalt. Doch lehrt uns die Psychologie nicht, dass Ersatzhandlungen schlecht sind und man das Problem bei der Wurzel packen sollte? Ist Beten nicht eine Ersatzhandlung?
Und wegen dieser Überlegungen habe ich mich entschlossen, das Buch zurückzulegen. Wer braucht schon einen Fantasyroman, bei dem man auf den ersten vier Seiten den Eindruck hat, dass der „Vampir“ kognitiv nicht auf der Höhe ist?

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