Kapitel 4 – Fachleiter

Es ist an der Zeit, den geschätzen Leser und die ebenso geschätzte Leserin mit den bisher unbekannten Wesen bekannt zu machen, die meine weitere Ausbildung und die Geschichte dieser Ausbildung prägend begleiten werden. Die Rede ist von den Fachleitern. Oder, geschlechtsneutral, den Fachleitenden.

Für das Fach Englisch tritt an: Herr Kwien. Herr Kwien ist ein Mann mittleren Alters, der bis auf seltenste Ausnahmen niemals von seinem Anzug getrennt zu sehen ist. Dieser Anzug ist, wie es der Anstand gebietet, zu jeder Zeit in einem Blauton gehalten und komplettiert durch einen leicht zu hoch sitzenden, schwarzen Gürtel, ein weißes, generisches Hemd, Schlips (sie dürften die Farbgebung bereits vermuten) und Weste. Auch letztere ist natürlich in freundlich-hoffnungsvollem Blau gehalten. Das Outfit wird zu jeder Zeit von passenden, schwarzen oder dunkelbraunen Lederschuhen komplettiert. Sein Haupt ziert eine kurz geschnittene, militärisch anmutende Kurzhaarfrisur, welche – obgleich sich lichtend – doch in zumeist voller Pracht den Scheitel kürt. Sein Gesicht ist immer glatt rasiert. Das Jackett lässt zwar leider ein Taschentuch in der Brusttasche vermissen, ist aber zu jeder Zeit glatt gebügelt. Das Hemd ist hochgeschlossen und zugeknöpft. Kurz – das britische Königshaus wäre stolz auf ihn, wüssten sie, dass er sich in Deutschland als ihr Repräsentant auf dem Kontinent einsetzt.

Mein erster Eindruck war gemischter Natur: Zum einen wirkte Herr Kwien durchaus sympathisch, zum anderen hatte er jedoch auch jene militärisch inspirierte Art, die den oft so effeminierten Männern meiner Generation rund um den Globus ein gesundes Misstrauen einflößt. Ich verwende diese Formulierung ausschließlich zu dem Zwecke, mich mit selbiger effeminierter Art nicht alleine zu fühlen. Unser erster verbaler Austausch bestand im Hinweis meinerseits, dass die gewählte Uhrzeit (8 Uhr auf den Punkt) sich mit meinem Biorhythmus nur schwer vertrage und ich auf der Anschaffung einer Kaffeemaschine für die Dauer der Intensivwoche bestehe. Herr Kwien stimmte mir zu und forderte im Gegenzug, dass der Kurs dafür Sorge zu tragen habe, dass Kaffeepads zur Verfügung stünden. Auf diesen Handel ließ ich mich selbstverständlich mit Freuden ein. Koffeinentzug war schon immer meine Schwachstelle gewesen. Die nächsten Stunden gingen wie im Flug vorbei, mangels einer Tafel, um wichtige Informationen festzuhalten, nutzte Herr Kwien den im Seminarraum verbauten Schrank sowie die Fensterscheiben. Es schien sich mir hier ein Fachleiter ganz nach meinem Sinn gefunden zu haben.

Den zweiten Tag begannen wir wie üblich früh, allerdings hatte Herr Kwien in der Tat Wort gehalten und für unser seelisches Wohl eine Kaffeemaschine besorgt. Sogar Kaffeepads für den ersten Tag hatte er mitgebracht. Zudem begrüßte er mich mit Tasse in der Hand und der Frage, ob ich Milch oder Zucker in meinem Kaffee wünschte. Diese Aufmerksamkeit war mir durchaus etwas unangenehm, wie ich gestehen muss. Der Tag jedenfalls ließ sich gut an und es war im Verlauf des Seminars durchaus amüsant, sich mit dem Fachleiter kleine Gemeinheiten an den Kopf zu werfen, schließlich teilte er gerne derbe Sprüche aus und ich war nie jemand, der diese unbeantwortet ließ. Ihm gefiel dies sichtlich.

Als wir eine kurze Pause einlegten, bei welcher wir die Tür des Seminarraums öffneten – welche auf einen Balkon hinaus führte – zog ich mir meine Jacke über, schließlich war es gerade Mitte Januar und ziemlich kalt. Daraufhin wurde ich sofort von Herrn Kwien darauf hingewiesen, dass ich „sicherlich nicht gedient“ habe. Eine akkurate Beobachtung, die ich in aller Ehrlichkeit bejahen musste. Ein Schatten verdunkelte sein sonniges Gemüt in diesem Moment, zumindest in meiner Erinnerung. Kaffee wurde mir trotz dieses unerfreulichen Outings meinerseits weiterhin gereicht.

Nach der Pause durften wir gemeinsam eine Stunde planen, welche Herr Kwien versprach, sogleich in seinem Englisch Grundkurs zu halten, damit wir im Anschluss gemeinsam auswerten könnten, was gelungen und was nicht gelungen war. Die Stunde verlief nach unseren Planungen gut, nach seiner Rede über die Gleichbehandlung der Geschlechter und das Vermeiden von Stereotypen bzw. Klischees im Unterricht und bei der Planung desselben, war es jedoch amüsant zu beobachten, wie er die Mädels in der Klasse während der Stunde darauf hinwies, dass sie bitte das Reden einstellen mögen, auch wenn es in ihren Genen läge. „Ladies, please stop chatting, I know it’s in your genes, but we want to work!” Ein Sprichwort über Balken und Splitter schoss durch meinen Kopf und ich bemerkte, dass ich kurz abgelenkt war.

Am Ende des Tages jedenfalls führte ich ein amüsantes und amüsiertes Gespräch mit meiner kurzhaarigen, drahtigen Kollegin Ulli, der die Situation während der Unterrichtsstunde natürlich auch aufgefallen war. Zufriedene Eitelkeit über meine den feministischen Anliegen zugewandte, egalitäre Seite regte sich in mir. Mir würde das nie passieren!

Während der nächsten Tage Intensiv-Kwien sprachen wir noch über die Stundenentwürfe – zehnseitige Manifeste, in denen die 45 Minuten Vorführunterricht für die Fachleiter aufbereitet werden müssen – und gute sowie schlechte Lernzielformulierungen wie etwa: „Die SuS festigen und erweitern ihre Hörverstehenskompetenz, indem sie dem Hörtext allgemeine und spezifische Informationen entnehmen.“ Natürlich erkennt jeder Englischlehrer sofort, dass diese Formulierung viel zu allgemein ist und eine inhaltliche Füllung fehlt. Man möchte schließlich mit mehr als nur einem groben Pi-mal-Daumen-Plan in die Stunde gehen! Während dieser Betrachtungen kam die Sprache auch auf die sogenannten „affektiven Lernziele“. Deren Name klingt etwas hochtrabend, was gemeint ist, ist allerdings simpel: Die Schüler und Schülerinnen (die „Lerngruppe“) soll die damit bezeichneten Ziele „erfühlen“. Das bedeutet zum Beispiel, dass sie sich in eine Person oder Situation hineinversetzen sollen und entsprechend emotional eingebunden werden. „Emotionale“ Lernziele wäre dann aber doch zu alternativ gewesen. Also wurde es eben „affektiv“, mehr so „gefühlsmäßig“ als wirklich gefühlt. Herr Kwien informierte uns gleich darüber, dass er auf diesen Kram keinen Wert lege. Denn schließlich soll die Lerngruppe Englisch lernen und nicht so „Gefühlssachen“.

Da hatte ich offenbar ja nochmal Glück gehabt, denn so richtig Gefühle zu unterrichten, dafür hatte ich ja nun wirklich nicht studiert.

 

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