Ich bin nicht mehr du, aber bin ich sie?

Wenn man nicht mehr geduzt wird..

Besonders schlimm oder zumindest bemerkenswert finde ich es immer, wenn jemand, der in meinem Alter zu sein scheint, beschließt, mich mit „Sie“ ansprechen zu müssen. Daran konnte ich mich bisher nicht gewöhnen. Vermutlich liegt es an meiner eigenen, saloppen Umgangsweise mit dem „Du“. Wenn jemand in meinem Alter zu sein scheint oder nur ein wenig darüber, dann wird er/sie von mir immer mit „Du“ angesprochen. Jüngere Menschen sowieso. Die einzigen Menschen, die ich sieze, sind die, die ich auch für eine Ecke älter halte als meine Wenigkeit.
Wann also bin ich zu „Sie“ geworden? Ich, der ich immer noch häufig genug von den Kassiererinnen, Kassierern und Türstehern dieser Welt gefragt werde: „Bist DU denn auch schon alt genug?“! Bin ich vielleicht näher an der Schwelle des „immer gesiezt werden“s als ich bisher dachte? Der konkrete Anlass für meine Überlegungen war heute, dass eine junge Dame mit Kind mich als „Sie“ ansprach. Gerade sie, die in meinem Alter zu sein schien und von mir geduzt worden wäre, nannte mich „Sie“! Sah ich vielleicht zu förmlich aus? Oder beginne ich, so alt auszusehen, dass die Resthöflichkeit in unserer Gesellschaft es gebietet, mich als „Sie“ anzusprechen?
Ich hoffe doch, dass es nicht letzteres ist. „Sie“ ist für sie, die alten Menschen, zu denen ich nicht dazu gehöre. Ich bin doch ein Teil von wir! Ein Teil von du und und du, nicht ein Teil von „Sie“, die man siezen muss.
Dabei kann man es mir gar nicht recht machen, wie ich gestehen muss. Es gibt Szenen, Tätigkeiten, Orte, bei denen ich gesiezt werden möchte, und irritiert wirke, wenn ich geduzt werde. Zum Beispiel, wenn ich arbeite und ein Kunde mich anspricht. Oder wenn ich jemandem etwas erkläre. Kurz, wenn ich als Respektperson oder wenigstens „offizielle“ Person unterwegs bin. Jedoch privat möchte ich noch eine Weile „Du“ bleiben. Du, der nette, jugendliche Mensch. Du, der Mensch, um es kurz auszudrücken. „Sie“ ist eine Funktion, „Du“ ist ein Mensch. „Sie“ ist alt, „Du“ ist jung. „Sie“ ist distanz während „Du“ (zumindest suggerierte) Nähe ist. „Sie“ kratzt, wie der Wollpulli, in dem man sich nicht so ganz wohlfühlt, während „Du“ sich anschmiegt wie die warme Hauskatze, die einem für ein paar Streicheleinheiten das Gefühl gibt der angenehmste Mensch auf Erden zu sein.

Bitte, siezen sie mich nicht!
In diesem Sinne: Ein frohes Wochenende 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.