Leben (oder nicht)

„Das Leben genießen“ „in vollen Zügen auskosten“ „in geordnetes Leben führen“ „sein Leben meistern“ „sein Leben im Griff haben“ „den Durchblick im Leben haben“ „wissen, worauf es ankommt im Leben“ „Lebe intensiv, sterbe jung“ „besser jung sterben, als nie gelebt haben“ „seinen Traum leben“ „Kampf um’s Überleben“ „sein Leben verspielt haben“ …

Diese und eine Unmenge anderer Sätze gibt es über „das Leben“. Aber was bedeuted Leben? Und ist man verpflichtet, dieses mit konventionellem Inhalt zu füllen? Ist ein Leben, das nur mit faulem Herumliegen und Genußstreben gefüllt wird, weniger wert, als ein Leben, das strukturierten Bahnen folgt, einen respektablen Job vorzuweisen hat und auch ansonsten einen ordentlichen Curriculum vitae erzeugt?
Geht man davon aus, dass in einer Weile sowohl die Menschen als auch die Erde und das dazugehörige Universum ihre Existenz niederlegen, so macht es natürlich keinen Unterschied. Schon dann, wenn man weniger krass herauszoomt, ist es unerheblich: Ob du arm oder reich bist, letztlich wirst du irgendwann das Zeitliche segnen, das ist ein Gedanke, mit dem sich jeder Mensch irgendwann in seinem Leben auseinandersetzen muss und dem sich jeder Mensch stellen muss. Je früher, desto besser. Denn je weiter man diese unangenehme Situation, in der man sich da befindet, durchdenkt, desto mehr kristallisiert sich ein Ergebnis heraus: Mist! Und wenn man diesen riesigen Kloß im Hals mit der Aufschrift „Mist!“ heruntergeschluckt hat (Schlucken ist noch lange nicht Verdauen, aber ein Anfang), kommt man irgendwann zu der Einsicht, dass man an diesem Faktum voraussichtlich nichts ändern kann und dass man sich wohl auch ruhig mit dem Kleinkram auseinandersetzen kann. Wie dem eigenen Leben.

Das ist keine unerhebliche Aufgabe; wenn man davon ausgeht, dass man nur ein Mal lebt und diese Zeit irgendwie angenehm nutzen möchte, solang man es kann, muss einiges durchdacht werden. Man sollte zum Beispiel relativ schnell realisieren, dass man keine Lust hat, dieses Leben mit einem Mindestmaß zu verbringen und durchgehend um die bloße Existenz zu ringen. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dass man diese Zeit mit einem angeschlagenen oder kaputten Körper verbringen möchte, der im ungünstigsten Falle auch noch das Erlebnis beeinträchtigt. Stattdessen wäre es doch angenehmer, wenn man gesund wäre, ein bisschen Karriere in einem Feld macht, das einem zusagt, die Ausbildung für selbige organisiert und erledigt und sich dann mit einem angenehmen Partner/einer angenehmen Partnerin und einem ordentlichen Job ein angenehmes Umfeld einrichtet.
Das gibt dem strukturierten Leben an sich keinen höheren Wert, als dem unstrukturierten, aber es lässt einen beim Durchdenken doch gewisse Vorzüge erkennen. Natürlich ist dieses Maß an Struktur und Sicherheit nicht für jeden das Ideal, hier kann man ganz individuell Anpassungen vornehmen – für den Fall, dass man lieber ein wenig Freeclimbing betreiben will oder ähnliches. Nur gewisse Spielregeln muss man unausweichlicherweise einhalten:

  • Geld beschaffen (eine Einnahmequelle sollte da sein, das ist nunmal mittlerweile so organisiert worden und da der Mensch den Planeten dominiert, ist es sehr schwer ohne dessen Konventionen auszukommen)
  • Einen Job besitzen (das gehört wohl zwingend zu Punkt eins, es sei denn, man hat reiche Vorfahren, dann kann man sich dies sparen)
  • Wissen, was man will (damit man die Voraussetzungen kalkulieren kann, die man benötigt, um zu machen, was man will)
  • Voraussetzungen schaffen (wenn man sich nie dran macht, wird’s auch nichts)

Es ist nicht gerade wenig, was man unausweichlicher Weise über sich ergehen lassen muss, aber es ist auch nicht so viel, dass man nicht noch Zeit finden würde, sich eine angenehme Existenz zu schaffen. Eine höhere Lebenserwartung bringt offensichtlich auch einen höheren Zeitaufwand für Ausbildung mit sich. Wie so oft im Leben ist alles eine Frage der Perspektive. Dem Universum ist ein Menschenleben ziemlich egal. Auch deinen Mitmenschen ist dein Leben zu einem großen Teil egal – die sind ja damit beschäftigt, ihr eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen und sich einzureden, dass es wirklich wichtig ist, was ihre Nachbarn denken.
Der Wert des Lebens ist ebenso reine Perspektivensache.. betrachtet man es von ganz fern, von der Ebene, wo Welten entstehen und zerfallen und wieder entstehen, ist so ein Menschenleben völligst unwichtig, somit auch die Art, wie es verbracht wird. Für uns Menschen ist ein Menschenleben wiederum etwas Wichtiges, für einige gar Heiliges, immerhin erleben wir das unsrige als etwas Besonderes und etwas Wichtiges, also erkennen wir an, dass das Leben der Anderen Wert hat, um unseres angenehm leben zu können.
Im Grunde ist auch nur eines wichtig: Dass man weit genug hereinzoomen kann, um sein Leben als wichtig zu erleben und sich dann eines zu erschaffen, an dem man Freude hat. Man sollte sich das nicht diktieren lassen, man sollte aber auch nicht untätig sein. Und man sollte nicht alles so schwer nehmen. Ganz egal, wie der Wert des Lebens ist, was im Leben wirklich wichtig sein soll – nach Aussage anderer -, was ein gutes oder schlechtes Leben ausmacht, man hat eins und das sollte man gestalten. Auch wenn man nicht darum gebeten hat und auch wenn es nicht immer toll ist, warum nicht was erleben, wo man schonmal hier ist? Die organisatorischen Details meistern, einen groben Plan entwerfen und auf geht’s, schließlich ist es nicht so, als hätten wir etwas Besseres zu tun, nicht wahr?

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