Stillstand und Stille

Manchmal braucht man sie, die Pause zwischendurch. Die Minuten, Stunden, vielleicht Tage, wo es still ist, wo nichts geschieht. Wo man im Dunkeln liegt und der Stadt lauscht, wo Musik von der Straße herauf dringt, weil ein Auto wegen der sommerlichen Wärme die Fenster offen hat, während es an der Ampel wartet. Wo softe, tief tönende Dancehallbeats von unten herauf kriechen und die sprachliche Mixtur, die das Patois darstellt die einzige Stimme oder Art der Konversation ist, die man vernimmt. Diese Minuten, in der nur die Stimme des Sängers – oder MCs – über die Straße wabert und die Hauswände empor kriecht, sich verbiegt, verzerrt und schlangengleich durch die Häuserschluchten schlängelt, den Moment, die Zeit dehnt, langsam auf die offenen Fenster der Häuser zu kriecht, hinter denen die Hitze des Tages noch nicht ganz verkühlt ist, darauf zu kriecht und sich dann einer Welle gleich innen an den Wohnungswänden, Vitrinen, Küchenschränken und Bücherwänden bricht und zurück rollt. Nichts zählt in diesen Minuten und es ist auch nicht wichtig, dass vorher der Verkehr laut rauschte, gegen die Wände brandete und klatschend zurück rauschte und beim Auftreffen auf die Welle, die an der gegenüberliegenden Wand brach, kracht und zusammenfällt, während hinter den dunklen Fenstern der Geist nicht zur Ruhe kommen kann, weil es rauscht, kracht und brandet. Kurz ist Stille, Ruhe, Flair.

Dann wird diese Art der Stille still, gibt sich kurz, nur für Sekunden, der völligen Abwesenheit von Lauten hin, bevor sie zerbirst, klirrt, quietscht und die Nacht erneut zerreissen lässt, während die Wellen der Motoren branden, krachen und an den Wänden brechen, während die Ohren sich angewidert abwenden wollen und der Geist nicht ruhen kann.

Bis der Schlaf den zerzausten Geist unter seine Decke packt, glatt streicht und ruhen lässt, bis die Sonne wieder aufgeht und das Rauschen erneut beginnt. Doch am Morgen kann der Geist es wieder tragen, widerstehen, der Wand gleich die Wellen brechen lassen, solange er nur eine kurze Weile Stille genoss, denn nur mit ausreichend Stille können wir dem Lärm und der Dissonanz eine dämpfende Decke darbieten, dort, wo wir leben.

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