Experimentalphantastik

{mosimg}Magie existiert. Der Geist regiert über die Materie und jeder Glaube ist wahr. Ist es das, was sie schon immer hören wollten? Willkommen.

Man kann nicht abstreiten, dass der Geist die Welt um uns herum ändert und steuert. Unser Geist, unsere Wahrnehmungen. Die Vorstellungen in unseren Köpfen, die sich auf die Welt um uns herum projizieren. Da die Wirkungsweise dieses Mechanismus schwer nachvollziehbar ist und sich in so vielen kleinen Dingen äußert, gibt es viele Namen dafür. Die einen nennen es Magie und praktizieren komplexe Rituale um dort anzukommen, wo sie wollen und die Welt nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen. Die anderen gehen von Quanteneffekten aus und versuchen es zu berechnen. Wieder andere beten zu dem einen oder anderen Gott, um die Welt zu beeinflussen. Und jeder schwört auf seine eigene Methode, denn schließlich kann er oder sie beobachten, wie die Magie in der Welt wirkt. Wie Gott in der Welt wirkt. Wie Karma die Welt steuert.

Was dem Ganzen zu Grunde liegt, ist jedoch die Wahrnehmung und diese wird beeinflusst von Filtern. Fantasie. Wenn wir von etwas bestimmtem überzeugt sind, so sehen wir das auch in der Welt um uns. Wir sehen die Mechanismen, von denen wir überzeugt sind, dass sie am Werk sind um uns herum an der Arbeit. Aber wir müssen auch davon überzeugt sein, zumindest zu einem gewissen Grad. Als ich heute die Straße entlang ging, lächelten mir alle Leute huldvoll zu, denn ich bin ihr Erlöser. Gestern haben sie mich mich komischen Seitenblicken angeschaut, denn ich war ein Vogelfreier. Objektiv betrachtet sind beide Szenarien im selben Umfeld. Es ist vermutlich objektiv betrachtet so, dass beide Tage gleich viel Lächeln wie scheele Seitenblicke in meine Richtung geworfen wurden in den beiden fiktiven Szenarien, je nachdem was ich mir eingebildet habe zu sein; jedoch habe ich eins von beidem ausgeblendet. Hinzu kommt, dass sich mein Auftreten vermutlich in beiden Szenarien unterscheidet. Während ich im Ersten möglicherweise gönnerhaft auftrete und sehr viel lächle sowie freundlich mit den Menschen umgehe, mag es sein, dass ich im zweiten Szenario reserviert auftrete, weniger lächle, die Mundwinkel nach unten ziehe und damit als Beobachter das Beobachtete verändere, ohne diese von mir ausgehende Veränderung wahrzunehmen, da ich auf anderes konzentriert bin.

Um es erneut zu sagen: Magie funktioniert. Ob man es für Magie hält, für Zufallseffekte, Glück oder göttliches Eingreifen, man kann es für sich nutzen. Sei es, um die eigene Lebensqualität dieses kleine bisschen zu verbessern, oder um sich nicht ganz alleine auf dem Planeten zu fühlen. Natürlich ist wie bei jedem Gedankenexperiment eine gewisse Balance zu beachten. Extremes Verhalten wird extreme Reaktionen provozieren, was ganz natürlich ist. Wer ganz in einer Parallelwelt untertaucht, in welcher er alle Dinge um sich herum in einem 90 Grad Winkel zur Realität interpretiert, so wird er mit Recht als exzentrisch oder verrückt wahrgenommen. Aber was kann es schaden, fünf Grad abzuweichen? An das Gute im Menschen zu glauben und deswegen all diesen netten und wunderbaren Wesen die alle so gut sind mit einem breiten Lächeln entgegen zu treten und… naja, wie gesagt, die Balance sollte gewahrt bleiben.

Aber wenn ich wegen meines festen Glaubens daran, das ich näher an dem wäre, was ich sein möchte auch so wahrgenommen werde, wie ich das möchte, so ist das eine gute Sache und schadet auch nicht, solange man sich der Realität nicht vollkommen entfremdet. Es ist eine Art Filter, mit dem man sich das Leben angenehmer macht. Neben Magie und Glaube gibt es noch einen Namen, den Menschen gerne solchen Effekten geben: Realitätsflucht. Und ein Stück weit mag das richtig sein, doch letztendlich ist es auch eine Verbesserung gegenüber dem bloßen faktischen Denken und Glauben. Solange man weiß, welche Filter man in seinem Kopf unterhält, ist nichts falsches daran, diese zu verwenden. Wenn man sich seines Selbstbetruges bewusst ist, ist es keiner mehr, auch wenn man die positiven Nebeneffekte weiterhin genießen kann.

Vorher muss man natürlich, wie schon zwischen den Zeilen zu lesen war, wissen, welche Filter man überhaupt in seinem Kopf unterhält. Es ist, als mache man sich das Zimmer, in welchem man sitzt, bewusst. Es mag im Moment schwarz, blau, gelb oder grün gestrichen sein und viele oder wenige Möbel stehen in diesem Zimmer herum. Es ist aber in jedem Fall eingerichtet und dekoriert. Nun muss man all diese Deko von der Wand reißen und die Wände weißen, bis man in einem nackten und kahlen, weißen Raum sitzt. Übersetzt heißt dass, das man die Filter finden und ausschalten muss. Und wenn man den nackten Raum erreicht hat seine eigenen Filter einrichten, die Deko selbst bestimmen. Wandfarbe, Ornamente, all das was man haben möchte. Der Punkt der Übung ist, dass vor der Aufräumaktion der Nachttisch von Oma, der Couchtisch von Mutter und der Lampenschirm, den einem der beste Freund vor 10 Jahren im Zimmer installierte, dort sind und nach der Aufräumaktion eben nicht mehr. Einige dieser Einrichtungsgegenstände fallen einem auch erst auf, wenn man sich bewusst macht, was in diesem Zimmer vorhanden ist, was man als Einrichtung unterhält und welche Filter einem die Wahrnehmung steuern.

Grob gesagt ist es genau der Vorgang, den Kant als den Ausgang aus der eigenen, selbst verschuldeten Unmündigkeit bezeichnet hat, aber nie selbst durchzog. Dabei wäre es so schön gewesen, solch ein Befreiungsschlag. Und man sollte dabei auch nicht das unauffällige Kreuz über der Tür übersehen, denn sonst hat man den Kantschen Fehler wiederholt.

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