Die Baumspringspinne

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Es gibt im Leben so viele Dinge, auf die man keinen Einfluss hat, es wäre zum Haare ausreissen, wenn man versuchen würde, trotzdem alles unter Kontrolle zu haben.

Jedes Mal geht es mir auf’s Neue so: Ich habe einen Plan, etwas mehr als eine grobe Idee von der Zukunft, und es reizt mich, diesen zu verfolgen. Es ist also genaugenommen eine Vision für die Zukunft. Und genau dann, wenn die Idee das Larvenstadium verlässt und sich als visionärer Schmetterling oder der Schmetterling einer Vision in die Lüfte erheben will, springt die gemeine Baumspringspinne vom Baum herab, wickelt den Schmetterling in ihr Gespinst und pinnt ihn wie ein Wrestler im Schwergewicht auf den Boden. Der Schmetterling wackelt noch kurz mit den Antennen, seufzt leis und streckt die Flügel von sich. Spiel, Satz und Sieg für die gemeine Baumspringspinne, die nicht nur gewöhnlich, sondern auch hinterhältig und in böser Absicht agiert. Manchmal ist die Baumspringspinne der Rächer der Realität, mal der Teufel im Teeteil.

Der Deus ex machina, nun der allerdings hat bisher den Schmetterling noch nicht retten wollen, die schwere Baumspringspinne, die Schmetterlingspinne, Raubzugschlimme scheint übermächtig. Aber genau hier, in diesem Moment des Herniedergepinntseins, des Auf-dem-Rücken-liegens und des der Sonne seufzend entgegen-Schauens liegt auch die Chance. Einfach mal liegen bleiben.

Entweder kann sich der Schmetterling, wenn das Baumspringding das Interesse verliert, erheben und mit gebrochenen Flügeln in den Schatten schleifen um zu reifen und heilen und verweilen, oder ein anderes Schmetterding wartete vielleicht schon auf die Starterlaubnis und kann nach dieser eindrucksvollen Demonstration der dämonischen Spinne die Startroute überdenken und statt dem Senkrechtstart eine Talfahrt segelnd auf den warmen Winden für sich als besser befinden.

Dann kann der zweite Schmetterling dem Boden entgegen sausen und auf den Aufwinden nach oben brausen und größtenteils unkontrolliert, kann es dann sein dass er zur Sonne aspiriert und sich im Freundentaumel verliert während er schwirrt und schwirrt und schwirrt. Und bevor man sich versehen hat, wird einem klar, dass man grade frei von Kontrolle erreicht hat, was kontrolliert nicht zu erreichen schien. Dass der Senkrechtstart, der vorhin so natürlich und günstig erschien eben nicht der rechte Weg war und man nicht den Weg sah, denn man nun entlang schwebt. Und wenn man dann nach unten sieht, scheint der Baum, von dem man startete, klein und unbedeutend.

Und die Baumspringspinne schüttelt eine wütende Faust gen Himmel und braust auf und regt sich nicht ab und tanzt und kreischt und treibt Schabernack und kann einen nicht mehr erreichen und muss dem nächsten Monster weichen, das sicher schon wartet und fleissig trainiert für den Tag an dem ein Schmetterling sich verirrt und müde auf ihren Baum herab schwirrt um zu ruhen und planen. Man kann schon ahnen, was sich anzubahnen droht, denn will man was planen, so sieht man schnell rot.

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