Spatzenhirne

Lesen sie das spannende Kurzepos von Spatzant, in dem er souverän die wichtigsten Fragen der Welt beantwortet.

Auf dem Podium stand stolz und aufgeplustert der größte aller Spatzen, Spatzant. Vor ihm und unter ihm, da er erhöht stand, breitete sich eine wogende Menge von Spatzenköpfen aus, die Federn gesäubert und im Sonnenlicht leicht reflektierend: Alle hatten sie sich schön gemacht, um dem großen Meister zu lauschen.

Seit einer Stunde hielt er schon seinen Monolog und nickende Köpfe waren in der Menge häufiger vorhanden als solche, die lieber Körner vom Boden pickten – wobei sie auch nickten, doch als Spatz kann man auch ignorant nicken, nicht ausschließlich, um Zustimmung auszudrücken.

Ein Sperlseh-Team nahm die Rede mit ihren Kameras auf, um sie später auf Speins Live zu übertragen, dem Sender, den die Spatzen, Sperlinge und sonstigen Vögel schauten, wenn sie eines der wenigen stattfindenden Sperlseh Events verpasst hatten, wie das des Redners Spatzant.

Er setzte gerade an, die letzten Mysterien des dem Spatzen bekannten Universums zu erklären und seine Rede sei hier ab dieser Stelle wiedergegeben:

„Seit Jahrhunderten martern sich Spatzenhirne schon mit grundlegenden Fragen, die Fundamente unseres Dasein, unergründet, heiß diskutiert und doch nicht beantwortet. Liebe Spatzen, es soll nicht weiter bei dieser eklatanten Unwissenheit bleiben, denn ich habe die Antworten gefunden und ich möchte sie euch mitteilen.
Lasst mich mit dem Problem des Huhn beginnnen!“

Einige Hühner heben an dieser Stelle kurz erschrocken den Kopf und unterbrechen ihr Picken auf dem Boden, doch nachdem eine Sekunde nichts passiert, widmen sie sich wieder den Körnern. Hühner sind praktisch, aber nicht sehr schlau.

„Das Problem des Huhns fasziniert viele Spatzenhirne seit Jahrtausenden, man kann behaupten, seit der Spatz existiert, hat er sich über nichts anderes so das Hirn zermartert! Es ist das Huhnproblem nun folgendes: Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Spatzenhirn um Spatzenhirn ist dieser Frage zum Opfer gefallen doch nie kam eines davon auf die offensichtliche Lösung, die ich euch heute präsentieren möchte. Es ist das Huhn, liebe Spatzen. Das Huhn war vor dem Ei da.

Auf diese Lösung kamen natürlich schon mehrere Spatzen, niemals aber ohne Widerspruch und so fürchte ich wird auch meine Erkenntnis Widerspruch provozieren, doch ich sage euch, sie ist richtig. Denn sie fußt nicht, wie andere Erklärungen auf göttlichem Eingreifen – viele von euch erinnern sich sicher daran, dass Spanubis, Priester der alten und überaus bedenklichen Götter, sagte dass der Gott Horus das Huhn an einem Stücke schuf und somit das Ei nur posthuhn zu Stande gekommen sein könne. Wie wir jedoch alle wissen, sind die bedenklichen Götter aus gutem Grunde bedenklich und so mancher Zwischenfall hat uns schon darüber in Zweifel geraten lassen, ob Horus ein guter Spatzengott sein kann und ob der Spatz denn überhaupt einen Gott brauche, da er doch die Lüfte beherrscht und somit überirdischer Natur ist. Ich sage euch, der moderne Spatz muss ohne fremde Federn und somit ohne Horus auskommen und sich mit der eigenen ratio schmücken! Viele Nächte habe ich in meinem Baumhaus verbracht und nun höret die Lösung, warum das Huhn vor dem Ei da gewesen sein muss! Das Huhn, versammelte Spatzengemeinschaft, muss vor dem Ei existiert haben, da sonst das Ei niemals ausgebrütet worden wäre!
Es mag euch überraschen, doch zur Entstehungszeit des Huhnes, etwa im Jahre 10 vor halb Spatz, gab es weder Leihbrüterprogramme noch selbst wärmende Nester und der Spatz von heute mag dies gerne vergessen, doch ohne das Huhn wäre das Ei nur ein Ei und nach einiger Zeit ein faules Ei, so faul, dass es nie aus seiner selbstverschalten Unhuhnigkeit ausbrechen würde!“

Zustimmendes Gemurmel und allgemeiner Applaus ob dieser ansprechend präsentierten Geistesleistung machte sich breit und Spatzant sprach mit neuer Energie weiter:
„Ein weiteres Problem, dass Spatzenhirne seit Generationen umtreibt ist dieses: Schmeckt ein Korn auch dann nach Korn, wenn niemand da ist, um es zu probieren? Und die Antwort, versammelte Gemeinschaft ist folgende: Nein. Denn wie ein wahrgenommenes Geräusch so ist der Korngeschmack nur eine arbiträre Zuweisung, die unsere Spatzenhirne uns Spatzen vorgaukeln, damit wir die Körner als körnige Delikatesse wahrnehmen und zu uns nehmen, so dass die glorreiche Rasse der Spatzen nie aussterben möge! Wäre kein Spatz da, um das Korn zu verköstigen, würde es schmecken, jedoch nicht nach Korn. Führende Spatzenforscher haben herausgefunden, dass Geschmacksstoffe Dingen einen Geschmack geben, doch für die Interpretation ist immer noch das Spatzenhirn zuständig. Ergo kann Korn nur Korn sein, wenn Spatz es isst. Wenn Fuchs es isst, so ist Korn möglicherweise Huhn, was jedoch auf die Größe des Fuchshungers ankommt, welcher als unbekannte und nur unter großer Gefahr bestimmbare Größe den Geschmack für den Fuchs variabel sein lässt. Meiner Ansicht nach variiert für den Fuchs der Geschmack des Kornes zwischen Mehl und Huhn, abhängig von F, dem Fuchshunger.“

Wieder erhob sich tosender Applaus, die Menge war von Spatzants unbezwinglicher Logik in ihren Bann geschlagen. Vereinzelt wurden Rufe laut, die ihn als ein „wahres Taubenhirn“ lobten, denn wie jeder Spatz weiß, ist das Taubenhirn größer. Spatzant hob ein letztes Mal zu reden an, was die Menge zum Schweigen brachte:
„Ein Taubenhirn, liebe Spatzen, ist nach neuesten Erkenntnissen nicht schlauer als ein Spatzenhirn. Die Verhaltensforschung hat dies lange vermutet, aufgrund diverser Zwischenfälle mit Bussen und menschlichen Füßen, doch wir konnten es nun auch belegen: Nicht auf die Größe kommt es an, sondern den Grad der Vernetzung. Ein größeres Lob wäre somit ‚Internethirn‘ – denn dieses Netz, vom Mensch entwickelt, ist wirklich vernetzter, als mein Spatzenhirn es jemals sein könnte. Ich danke euch für eure Anwesenheit und den freundlichen Empfang!“

Hier endet die Niederschrift dieser Rede, leider sind die dem Exzerpt vorhergehenden Erkenntnisse mangels durchgeführter Datenbackups für die Nachwelt verloren gegangen, was einen großen Verlust darstellt, da zu erwarten ist, dass Spatzant noch einige der großen Fragen in seinem Leben lösen konnte. Seine unbestechliche und doch simple Logik jedoch lebt in den Köpfen vieler Spatzen weiter und wird hoffentlich Bestand haben.

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