Martin goes Gothic!

He really does!

Es hat mich viel Überwindung gekostet, mit dir nun zu sprechen. Von allen Menschen verstehst du vielleicht am Besten, wie es für mich ist, auszusprechen, was ich empfinde. Auch wusste ich erst nicht, ob es Recht ist, mit dir zu sprechen. Man scheint es nicht gut zu heissen, ja, wenn ich dich in der Anwesenheit anderer anspreche, wirft man mir Blicke zu. Du kennst diese Blicke. Wie sie dich abmessen, sich verdunkeln, sobald die Stirn sich in Falten legt, von Rechts nach Links schweifen, wenn der Kopf sich schüttelt. Das Erschrecken und der Keim der Furcht dahinter. Diese Blicke, denen man ansieht, dass der eigene Wahnsinn hinter ihnen seine Krallen in die Augäpfel bohren und hinaus springen will. Der eingesperrte Wahnsinn, der an seinen Zellenstäben rüttelt und keift und schreit aber nie erhört wird, weil es unerhört wäre. Genährt von der Sterblichkeit, entstanden aus der Leere hinter den Augen und nur mühsam im Zaume gehalten. Gefüttert mit Ideen wie Bananen, mit schöner Schale, aber unbefriedigendem, matschigem Inhalt. Bananen über Bananen um den Zellenwächter bei Laune zu halten, damit er nicht die Zelle öffnet. Das Wissen in den Augen, die die Blicke schießen, dass es ihnen ebenso gehen könnte. Wäre jener ausgemergelte Zellenwärter nicht, von dem man nie weiß, für wessen Seite er arbeitet. Vielleicht hält er nicht den Wahnsinn eingesperrt, vielleicht schützt er den Wahnsinn vor den Lügen.

Ich frage mich, ob sie darüber nachdenken, so wie wir darüber nachdenken. Ob sie sich fragen, ob nicht sie der Eingesperrte sind. Sie reden nicht mit dir, weil sie wissen, dass du es weißt. Sie reden nicht mit dir und deswegen kennen sie dich nicht. Und da sie dich nicht kennen, kennen sie sich selbst nicht. Hier bin ich und schaue dir in die Augen. So tiefblau wie das Meer, wenn die Sonne am höchsten steht. So tief, wie der Ocean, der ungezähmt und unbezwungen den Menschen auf allen Seiten umschließt. So dunkel, wie die Abgründe in diesem Meer, jenen Abgründen, die bis ins Herz der Erde reichen. Lass mich eintauchen, bis zum Grunde herab sinken, hinein in das Dunkel, auf dass ich seine Geheimnisse ergründen mag. Dunkel wie der Tod vor dem Leben und dunkel, wie der Tod danach. Still und inhaltslos, wie es davor war und danach wieder sein wird. Lass mich dort hin tauchen und tief einatmen, damit die Dunkelheit ins Dunkle taucht und sich erkennen mag. Nur so kann ich wissen, dass das Dunkle schon in mir war, bevor ich hinabtauchte, um es zu erkennen. Dann lass mich auftauchen, aus dem Schwarz im Zentrum und Luft und Licht wieder sehen.

Die Dunkelheit mag Teil von mir sein und so wie ich aus ihr auftauchte, werde ich wohl wieder eintauchen. Auch du, mein Freund.

Doch bis dahin, lass uns reden. Noch habe ich Feuer und auch das Feuer ist in mir. Es vertreibt die Dunkelheit nicht, und doch leiht es sich Zeit bei ihr. Leiht sich einen kleinen Lichtkreis, in dem es flackert. Oh, warum es nur flackert, weißt du es?

Nein. Natürlich. Wer hätte es dir auch sagen können, ohne dass du dein Geheimnis mit dir teilst? Jetzt, wo ich mich endlich mit dir unterhalte, frage ich mich, ob du wirklich je mehr wusstest als ich, mein Freund. Oftmals hast du mich angeschaut und wenn du es tatest, wusste ich genau in deinen Augen zu lesen. Dass ich mich ändern musste. Dass du weißt, was geschehen muss und geschehen wird und warum all das. Wenn ich dir doch dieses Geheimnis entlocken könnte. Aber du wirst es mir nie verraten, warum. Habe ich Recht, mein Freund? Natürlich habe ich Recht, ich kenne dich nun. Magst du tun, wie du willst, magst du schauen, wie es dir beliebt.

Du bist doch nur ein Windbeutel ohne Sahne! Wenn man endlich reinbeisst, wird man enttäuscht. Und alle denken sie, es gäbe etwas zu erfahren. Ich bin durch alle deine Zimmer gelaufen und habe unter allen Kissen geschaut. Jeden Schrank habe ich durchwühlt und sogar den Dachboden habe ich durchkämmt! Doch nichts, nichts, nichts weißt du, was ich nicht weiß! Schau mich nicht so an! Natürlich habe ich den dunklen Keller durchsucht! Deine Schlösser und Keile konnten mir nicht entgegen stehen! Oh nein, ich bin kein gewöhnlicher Besucher, ich verbleibe nicht dort, wo du Besuch erwartest, nein… denn dort hast du alles vorbereitet, zurecht gestellt, nicht wahr?

Ha! Nein ich habe alles untersucht und was ich noch nicht gesehen hatte, das habe ich katalogisiert. Und ich habe es in mir wiedergefunden. Ich habe deine Dunkelheit gesehen und meine erkannt. Tagelang bin ich in meinem Käfig die Wände hoch gerannt, habe sie gekratzt, gebissen und geschlagen, bis ich blutig war. Ich habe die Tür meines Gefängnisses eingerissen, oh ja. Ich bin hinaus gerannt und habe ein Wohnzimmer gefunden und ich bin weiter hinausgerannt und war wieder in meinem Zimmer. Und egal wohin ich rannte, ich kam immer wieder dort an. Es gibt keinen Ausweg, nicht wahr?

Mein Zimmer ist alles. Dir geht es nicht anders. Ich weiß es nun. Himmel und Hölle sind hier! Gott und Teufel, der Dicke und der Vielarmige, alle sind sie hier und nichts wissen sie, das ich nicht weiß. Nicht einmal die Tür haben sie eingetreten, weniger wissen sie noch als ich. Sie starren sie an, im Wissen, dass sie gefangen sind. Starren sie an und warten auf den Tag, an dem es klopft, und die Tür geöffnet wird. Blinde Idioten! Nie wird sie sich öffnen, sie werden in ihrem Zimmer sterben und nicht einmal wissen, dass sich die Tür nie geöffnet hat! Wenigstens kann ich im Flur sterben. Oder im Wohnzimmer. Doch ich sage dir, mein Freund: Ich werde die Wände bezwingen! Und wenn sie nur wieder in mein Zimmer führen, wieder und wieder, die Passagen, welche ich grabe. Ich werde graben und wühlen und kratzen und hämmern! Eines Tages werde ich müde werden, ich sehe den Tag näher rücken mit jedem Tick und jedem Tack und auch jedem Tock der Uhr. Doch bis dahin schulde ich es uns, zu hämmern und klopfen, in der Hoffnung, dass das Zimmer einstürzt und wir die Sonne sehen können, wie sie über uns dahin zieht. Und ich werde atmen und schauen und atmen, bis sie stirbt.

Bis bald, mein Freund, bis bald. Du warst mir eine nette Gesellschaft, doch nun muss ich ruhen. Morgen wird gehämmert, wenn es ein Morgen gibt. Und so wird es weiter gehen, bis der Morgen nicht mehr kommt.

Und er löscht das Licht, während er sich vom Spiegel abwendet, und geht zurück in die Dunkelheit seines Zimmers.

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