Sequenz 2 – Weltraumaufzug

Wenn ihr Sequenz Eins gelesen habt, so könnt ihr mit diesem Beitrag, genannt Sequenz Zwei, den Anschluss in der Reihe der Sequenzen erleben oder erlesen. Ob der Inhalt erlesen wird und möglicherweise gar erlesen ist, werden mir hoffentlich die Kommentare mitteilen. Ich lade also hiermit offiziell und mit einem breiten Grinsen, das Ohr und Ohr zu verbinden sucht, dazu ein, den Komfort der Kommentarfunktion in Anspruch zu nehmen.

 

Ich laufe vom Haus zur Bushaltestelle. Es ist kalt und die anderen Menschen stecken in Mänteln und tragen Kapuzen, Handschuhe, Schals. Das Wenige, das man von ihren Gesichtern noch sehen kann sind Augen, kalt wie der Winter. Bartstoppeln, rau wie der Wind. Wieder Augen, abweisend und leer wie verspiegeltes Glas. Also leer bis auf dasjenige, was sie spiegeln. Und da sie nur spiegeln enthalten sie nichts, geben wider aber geben nicht, reflektieren – aber leuchten nicht. Würden sie strahlen, so würde das winterliche Wetter angenehmer scheinen, aber wen kümmert es schon. Ich bewege mich Matrixmäßig durch die Menschenmasse auf den Bus zu, ich komme an, der Bus hält, ich steige ein. Perfektes Timing, alles im Fluss. Ich beeindrucke mich selbst.

Die Reise zum Arbeitsplatz sowie die Arbeit bis zur Mittagszeit verschwimmt, läuft davon, hinterlässt keine Spuren, Eindrücke, Abdrücke. Mittagspause. Ich gehe statt in die Cafeteria auf das Dach des Hauses. Ein Turm erwartet mich, mit einem einzigen Sitzplatz, auf welchen ich mich setze und wie bei einem Freefalltower anschnalle. Sobald ich sitze, bewegt sich mein Gefährt nach oben, langsam zuerst, so dass ich den Blick über die Stadt, den Blick auf die Skyline erhaschen kann. Während ich langsam nach oben fahre, wird es schlagartig dunkel, doch keine Lichter gehen in der Stadt an, das Leben scheint angehalten zu sein – oder ein Stromausfall hat sich ereignet, ich denke nicht darüber nach. Die Gebäude verschwinden unter mir, die Stadt wird winzig. Ich hatte nicht geahnt, wie hoch der Turm ist. Er schien nicht so hoch, wie er sich nun anfühlte, wie er offensichtlich war. Kein Ende scheint in Sicht, es geht höher und höher – und mein Gefährt beschleunigt. Ich bekomme Angst. Sie beginnt kurz vor meinem Steißbein, läuft kalt meinen Rücken hinauf. Alle Haare auf meinem Rücken stellen sich auf, meine Wirbelsäule versteift sich, meine Beine werden kalt, mein Herz rast. Ich beginne zu schwitzen. Kalter Schweiß in kalter Luft.

Meine Kleider sind nicht mehr vorhanden, nackt und schutzlos katapultiert es mich weiter und weiter. Als ich durch die Wolken stoße, setzt sich ein dünner, nasser Film auf meiner Haut ab und ich sehe nichts, bis die Wolke unter mir liegt. Einem Meer gleich breitet sich unter mir die Wolkendecke aus, einem stillen, toten Meer gleich. Mein Verstand scheint mit den Geschehnissen überfordert, ich fürchte, mein Schädel könne platzen und die Angst, die mich umgibt, durchdringt, lässt mich kaum atmen. Ich atme flach und stoßweise und schnell. Diese Angst, diese kalte, nasse, schwarze Angst, die mich durchdringt, versucht, meinen Geist vollkommen zu umhüllen, stößt ihn ab, während sie ihn anzieht, und ich bin unfähig, meinen Verstand von ihr abzuwenden. Geist und Körper sind paralysiert, außer Stande etwas zu unternehmen. Ein erstickter Schrei entsteht einer Luftblase gleich in meinem Kopf, schafft es jedoch nicht, bis zu den Stimmbänden vorzudringen. Es macht ein ploppendes Geräusch, als sie birst und mein Innerstes mit einem kalten Schwall überflutet. Paralyse. Unverständnis. Grauen.

Ich durchbreche die Atmosphäre, gleite hinaus in den Weltraum, sehe unter mir nur noch eine Kugel, blau, weiß, grün, lebendig aber scheinbar nicht durch die Organismen, die ihre Oberfläche bevölkern, sondern von innen heraus, eine Vielzahl von Lebensformen, die eine größere Lebensform ausmachen, besiedeln, beseelen. Eine Kugel. Das Grauen lässt mir kurz eine Atempause um sie zu bestaunen, mein Gefährt pausiert ebenso. Sie sieht aus, wie eine Murmel, die jemand in mühevoller Arbeit bemalt hat, doch war es nicht eine Person, sondern viele, nicht ein Ding, sondern viele, nicht ein Ereignis – Millionen und Abermillionen von Ereignissen. Was sind eigentlich Ereignisse? Ereignen sie sich oder sind sie nur eine arbiträre Einteilung von Zeitabschnitten? Ich weiß es nicht, weiß nichts, staune und staune und wundere mich. Mich? Wundert sich jemand, wenn niemand in der Nähe ist, um es zu registrieren? Ich bin retrospektiv gesehen da, aber im Moment – gerade jetzt – bin ich es nicht. Mein Gehirn ist überwältigt allein durch den veränderten Zoomfaktor, dadurch, dass ich von außen sehe, was ich nie erfassen konnte, weil ich darin war, klein, geistlos, unwissend. Nun könnte ich es erfassen, aber ich bin nicht hier. Diese Überwältigung, Überschwemmung in mir, ich würde sie Staunen nennen, wenn ich es könnte, aber ich kann nicht. Ich bin. Sonst nichts. Bin und bin doch nicht.

Alles dort unten hängt irgendwie zusammen, funktioniert irgendwie und wüsste man wie, man könnte mitschwimmen in diesem Fluss, wie ein Barsch oder ein Hai, vielleicht eher noch wie Plankton. Winzig, diese Murmel, wirklich winzig, denke ich. Fühle ich. Ich kann keinen Menschen von oben sehen, so wie ich als Mensch keine Bakterien sehen konnte. Wie Bakterien im Käse sind die Menschen aus meiner Sicht auf der Erde. Es sieht aus, als könnte ich von hier die Erde in meiner Hand halten. Vermutlich würde ich dabei nicht einmal die Menschen zerquetschen, sie könnten sich in die Rillen meiner Hand quetschen, in die Klüfte, die meine Fingerabdrücke sind, schlüpfen und sich dort verstecken vor der brutalen, zerstörenden Kraft, die meine Finger, meine Hand, entfalten würden, würde ich die Erde greifen und drücken. Und dann? Vielleicht würden sie auf meiner Hand weiterleben. Von vorn anfangen. Alles Wissen, alle Bücher, alles wäre verschwunden – und wird auch ohne meine Hände verschwinden.

Niemand wird eine Spur hinterlassen, weil niemand da sein wird, der nach der Spur schaut oder sich an sie erinnert. Ein paar würden vielleicht eine oder zwei Generationen überleben, wenn die Menschheit auf Planet Hand eine Bleibe finden könnte. Dann würden auch sie verschwinden, wie sie schon physisch verschwunden sind.

Mein Gefährt flitzt ein weiteres Stück, in der einen Sekunde sehe ich die Erde noch als Murmel, in der nächsten ist es unsere (unsere?) gesamte Galaxie, die wie eine Murmel unter mir liegt. Leben dort wirklich Menschen? Und wie können sich diese Wesen so enorm wichtig nehmen, als unbedeutendes Atom in einer unbedeutenden Murmel? Würde mein Sitz (der offensichtlich kein Freefalltower ist, wie mir am Rande klar wird) weiter „hinauszoomen“, wäre auch diese Murmel nur eine unter vielen, vielen, unzähligen Murmeln. Und wenn das Universum, sofern es etwas außerhalb gäbe, von wo ich darauf herab sehen könnte, eine weitere Murmel wäre, so wäre selbst die Galaxie in der das Atom ist, auf dem diese Menschen sitzen, nur ein Atom der neuen Murmel. Und würde diese Murmel zerstört.

Mein Geist bricht zusammen. Ich zittere, weine, versuche zu schreien. Doch niemand kann es hören, es gibt keine Luft, die meine Worte transportieren könnte. Ich schüttle den Kopf, schließe die Augen.

Ich bin wieder auf dem Dach. Meine Beine zittern und ich falle auf mein Hinterteil. Ich schaue vom Dach herab auf die Straße, die etwa 100m unter mir liegt. Wie kleine Figuren die Straße entlanghasten, weil sie schrecklich wichtige Dinge zu tun haben, die Karriereleiter aufsteigen müssen, Blumen für ihre Frau oder ein Geschenk für ihr Kind kaufen müssen. Geld einnehmen, Geld ausgeben, ein Haus bauen, ein Buch schreiben, „Geschichte schreiben“, „die Welt ändern“. Ich lache. Und lache. Möglicherweise bin ich gerade wahnsinnig geworden, schießt es mir durch den Kopf. Ich lache noch lauter.

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